Leichtathletik-WM : Bunt leuchtet die Tristesse

Im Moskauer Stadion sind zuverlässig mehr Sitze zu sehen als Zuschauer.

Reinhard Sogl

Am Morgen nach der Party herrschte die Leere. Kein Kater, wie so oft nach einer berauschenden Nacht, sondern das, was die sächsische Kugelstoß-Vizeweltmeisterin Christina Schwanitz am Dienstagabend so formuliert hatte: „Es war etwas schade, dass im Stadion nur fünf Leute und drei Hunde die Siegerehrung mitbekommen haben. Es waren mehr Sicherheitskräfte als Zuschauer da.“ Am Mittwochmorgen das gleiche bunte Bild, das Tristesse verbreitet. Nur dass die gelben, orangenen und roten Sitze nicht leer im Scheinwerferlicht glänzten, sondern in der prallen Sonne. Am Abend zuvor waren noch 45 000 Zuschauer gekommen, um Stabhochsprung-Ikone Jelena Issinbajewa in die Babypause zu verabschieden. Die Goldmedaille zum Abschied begeisterte die Massen und sorgte für eine einmalige Stimmung bei dieser WM. Am Tag danach fanden die Athleten wieder eine Geisterkulisse vor. Alltag im Luschnikistadion: einer Betonschüssel für 85 000 Zuschauer, deren Kapazität durch eine großzügige Medientribüne und Stoffbahnen auf den oberen Rängen auf beinahe die Hälfte reduziert wurde. „Du denkst, du bist beim Training. Das ist keine leistungsfördernde Umgebung für uns“, sagte der mexikanische Langstreckenläufer Diego Estrada. Der WM-erfahrene 400-Meter-Hürdenläufer Felix Sanchez klagte: „Tote Hose, da ist überhaupt keine Atmosphäre.“ Mit sentimentaler Rückbesinnung auf Olympia 2012 fügte der Weltmeister aus der Dominikanischen Republik hinzu: „Ein Unterschied wie Tag und Nacht verglichen mit London im vergangenen Jahr.“ Hürdensprint-Weltrekordler Aries Merritt war ebenfalls unangenehm überrascht: „Ich bin ehrlich gesagt nicht glücklich, in einem fast leeren Stadion zu laufen. In London habe ich das Publikum hinter mir gespürt, das ist motivierend.“ Russland ist aber nicht Großbritannien und auch nicht Deutschland, wo 2009 im Berliner Olympiastadion und vor allem 1993 in Stuttgart sehr gut besuchte und stimmungsvolle Weltmeisterschaften ausgetragen wurden. Ausverkauft aber meldeten die Berliner Organisatoren auch nicht jeden Abend, von den morgendlichen Veranstaltungen mit Vorläufen und Qualifikationswettkämpfen ganz zu schweigen. Sie füllten die Lücken, indem sie Schulklassen auf Wandertag schickten. Angeblich ist auch in Moskau eine Viertelmillion Freikarten unters Volk gebracht worden, das sich aber einfach nicht wirklich für das Laufen, Springen und Werfen interessiert. Die billigste Karte kostet 150 Rubel, umgerechnet dreieinhalb Euro. Soviel wie ein kleines Bier. Wie man Leichtathletik erfolgreich inszeniert, haben im vergangenen Jahr die Briten gezeigt. Sie haben bei Olympia Maßstäbe gesetzt für spannend präsentierten Sport – mit einem perfekt zusammengestellten Musikprogramm, Video-Einspielungen, peppigen Moderationen und Interviews von Stars aus der Unterhaltungsbranche. Mit Leichtathletik allein, sagt Helmut Digel, Council-Mitglied des Weltverbands, sei die Altersgruppe der unter Dreißigjährigen nicht ins Stadion zu locken. In Moskau war es selbst dem Publikumsmagneten Usain Bolt nicht gelungen, die Arena beim Finale über 100 Meter ganz zu füllen. Den Star-Sprinter wollten nach einer offiziellen Pressemitteilung der Organisatoren 40 461 Zuschauer sehen, die größte Zahl an Besuchern bei einer Leichtathletik-Veranstaltung in Russland seit 1980. Damals fanden im Luschniki-Stadion die Olympischen Spiele statt. Der Zuspruch am Sonntag sei sogar größer gewesen als zum gleichen Anlass vor zwei Jahren in Daegu, fügten die Organisatoren ihrem Schreiben hinzu. Bolt sagte nach seinem Sieg in Moskau: „Nicht jedes Land begeistert sich für Leichtathletik, viele für Fußball.“ Nicht unbedingt in Russland. Im vergangenen März gewann im Luschniki-Stadion Rubin Kasan im Achtelfinale der Europa League 2:0 gegen UD Levante vor der Minuskulisse von 520 Zuschauern. Da kommen selbst zur Leichtathletik mehr.

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