Sport : Leichtathletik-WM: Das Ende einer Siegesserie

Robert Hartmann

Der 10 000-m-Lauf war langsam, manchmal flackerten die Leidenschaften auf, als die Läufer Zwischenspurts anzogen. Die Nervosität und Unsicherheit waren bei dieser WM-Entscheidung bis auf den höchsten Tribünenplatz zu spüren. Aber am Ende kam doch eine Sensation heraus, die alles vergessen ließ, was im Anlauf auf die letzte Runde passiert war: Der Äthiopier Haile Gebrselassie wurde nach vier Titeln hintereinander und nach acht Jahren ohne Niederlage über 10 000 m am Mittwochabend im Commonwealth-Stadion von Edmonton zum ersten Mal wieder besiegt.

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Er vermochte dem 23 Jahre alten Kenianer Charles Kamathi nicht zu widerstehen, der auf den letzten 200 m wie ein Sprinter loszog. Sogar seinen Landsmann Assefa Mezgebu musste Gebrselassie ziehen lassen, so dass es für ihn nur zu Bronze reichte. Gebrselassie sprach später von einem "sehr spaßigen Rennen, mal schnell, mal langsam. Ich habe diese Art von Rennen bisher nicht gekannt." Während der Pressekonferenz zeigte er sich wieder in der aufgeräumtesten Stimmung. Es schien sogar, als habe er zur Abwechslung einmal gerne verloren. "Wo muss ich mich hinsetzen?" fragte er. Bisher durfte sich Gebrselassie immer auf den Platz in der Mitte setzen. Doch jetzt ist klar: Dieser weltbekannte äthiopische Botschafter verhält sich in Sieg und Niederlage gleich.

Sein Manager Jos Hermens berichtete, Gebrselassie habe am Sonntag mit 39,5 Grad Fieber eine Krankenstation aufsuchen müssen. Einigermaßen auf der Höhe habe er sich erst wieder am Dienstag gefühlt. An den Läufer selbst war die Frage nach den Auswirkungen einer Achillessehnen-Operation vom vorigen Dezember gerichtet worden. Sie war der Grund dafür, dass er seit dem Olympiasieg in Sydney kein einziges Rennen mehr bestritten hatte. "Alles ist vorbei", antwortete er, seit vier Monaten trainiere er schmerzfrei. "Ehrlich, ich bin wirklich in guter Form." Nur wisse er nicht mehr, was auf den letzten 200 Meter passierte. "Sie waren unglaublich. Ich war schockiert." Kamathi überrollte ihn wie ein Expresszug.

Dem neuen Weltmeister gelang, was sein Landsmann Paul Tergat stets vergeblich versucht hatte. Es ist gut möglich, dass Kamathi auch einen hundertprozentig gesunden Gebreselassie besiegt hätte. Schon als er im Juni Landesmeister wurde, war seine geschliffenste Waffe die hohe Endgeschwindigkeit. Die Zeit war reif, und Kenia tanzt wegen eines jungen Mannes, der erst vor sechs Jahren von einem Schullehrer für das Laufen entdeckt wurde. Später schloss Kamathi sich der Polizei an, um Profi zu werden. Ein Journalist aus Kenia sagte, dieses Gold erhebe sich turmhoch über alle anderen Medaillen. Denn nichts sei süßer als ein Triumph über den Star des nördlichen Nachbarlandes. Die Läufer untereinander handeln dagegen brüderlich. Gebreselassie meinte seinen Bezwinger, als er sagte: "Danke für das Rennen."

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