Sport : Leichtathletik-WM: Der Sprung seines Lebens

Jörg Wenig

Ein Arzt hatte ihm vor einigen Wochen wegen eines drohenden Ermüdungsbruches der Kniescheibe eine zweimonatige Pause empfohlen. Wenn Martin Buß auf diesen Doktor gehört hätte, hätte er die Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Edmonton verpasst und damit die bislang schönsten Stunden seines Sportlerlebens. Der Hochspringer hörte nicht auf den Arzt - und wurde mit der Jahresweltbestleistung von 2,36 m Weltmeister. Als Draufgabe bekommt er eine Siegesprämie von 60 000 Dollar.

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"Eigentlich bin ich kein Pokerspringer", sagte der 25-jährige Berliner, der für Bayer Leverkusen springt. Aber dieses Mal blieb ihm keine andere Wahl, als das Risiko einzugehen. Nachdem er 2,33 m im ersten Versuch gerissen hatte, hatte er den vierten Platz sicher - egal, ob er die Höhe noch überspringen würde oder nicht. Denn die verbliebenen Konkurrenten - Weltrekordler Javier Sotomayor aus Kuba, Titelverteidiger Wjatscheslaw Woronin aus Russland und dessen Landsmann Jaroslaw Rybakow - hatten diese Höhe alle im ersten Versuch übersprungen. Buß riskierte alles, hob sich seine letzten beiden Sprünge für 2,36 m auf - und gewann alles. Nachdem er beim ersten Sprung gerissen hatte, sprang er bei seinem letzten Versuch so hoch wie nie zuvor in seinem Leben. "Danach habe ich erst einmal gar nichts gedacht, ich habe einfach nur geschrien vor Freude - so lange, bis ich Seitenstechen bekam."

Dann rissen sie alle nacheinander die Latte, erst Rybakow, dann Sotomayor, dann Woronin, und schließlich hatte der spätere Silbermedaillengewinner seinen letzten Versuch: Rybakow riss, Buß hopste durch das Stadion vor Freude. In Neukölln dürfte Familie Buß zeitgleich die Nacht zum Tag gemacht haben. "Die sind alle aufgestanden und haben sich das angeschaut. Nur die Kinder haben geschlafen", erzählte Martin Buß von seinem Telefonanruf in Berlin.

"Irgendwie hatte ich heute so eine Ahnung, dass es klappen könnte." Seine Erwartung war im Laufe der Zeit höher geworden. "Im Trainingslager in Calgary lief es dann so gut, dass ich mir dachte, eine Medaille ist drin - ich habe sogar schon ein bisschen an den WM-Titel gedacht", erzählt Martin Buß. In Calgary war er mit 2,27 m im Training so hoch gesprungen wie noch nie. "Nachdem ich in Edmonton angekommen war, fühlte ich irgendwie: du kannst auch gewinnen."

Einen großen Favoriten gab es in der Tat nicht. "Von den zwölf Springern im Finale hätten zehn Weltmeister werden können - ich hatte heute auch das nötige Glück", sagte Buß. Bei der WM in Sevilla vor zwei Jahren gewann er als Drittplatzierter seine erste Medaille. Nach dem Schweriner Gerd Wessig (Olympiasieger 1980 in Moskau) und dem Kölner Dietmar Mögenburg (Olympiasieger 1984 in Los Angeles) ist nun wieder ein Deutscher der Konkurrenz bei einem Großereignis davongesprungen.

Buß spielte bis 1994 Fußball und kam nur zur Leichtathletik, weil ihn sein Trainer bei Tasmania 73 immer wieder auf die Ersatzbank setzte. Vor einem Jahr verpasste er die Olympischen Spiele in Sydney wegen einer Fußoperation. Danach traute er sich beim ersten Techniktraining nicht einmal, über 1,50 Meter zu springen. Schon in der Hallensaison meldete sich Buß jedoch zurück und belegte Rang fünf bei der Hallen-WM.

Dennoch sah es lange nicht so aus, als ob er sich für Edmonton qualifizieren könnte. Das lag jedoch nicht an seinem Knie. Wochenlang hatte sich Martin Buß schlapp gefühlt, und in seinem Körper fand sich der Antivirus des Pfeifferschen Drüsenfiebers. "Ich war oft schon nach dem Einlaufen totmüde", erzählt er. Noch einmal ließ er sich gründlich untersuchen. "Ich war extra bei Professor Kindermann in Saarbrücken. Und der sagte, ich sei gesund." Diese Diagnose war wie eine Befreiung für ihn. Bei den Deutschen Meisterschaften nutzte Martin Buß seine letzte Chance und übersprang die Normhöhe für die Weltmeisterschaften von 2,30 m.

Demnächst will sich Martin Buß als Weitspringer versuchen. Seine Bestleistung steht bei 7,75-m. "Ich würde gerne acht Meter springen. Das müsste drin sein, wenn ich den Absprungbalken treffe." Er dürfte das schaffen - und sei es erst im letzten Versuch.

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