Leichtathletik-WM : Diskus-Silber: Alles muss raus

Robert Harting vom SC Charlottenburg gewinnt im Diskuswerfen die Silbermedaille. Der22-Jährige wird bereits mit Lars Riedel verglichen.

Friedhard Teuffel
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Robert Harting ist selber von seinem großen Erfolg überrascht. -Foto: dpa

OsakaDieser Erfolg war so überraschend, dass er Robert Harting fast ein wenig um den Verstand brachte. Sonst hätte er wohl sicher nicht nach seinem letzten Versuch den Wurfring geküsst, ein Stück schmutzigen Betons, auf dem sich vorher seine Konkurrenten mit ihren Gummisohlen gedreht hatten. Zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft dabei – und schon Silber, da müssen ja auch die Gefühle mit ihm durchgehen. Seine Energie hatte er wohl im Ring nicht ganz verpulvert, deshalb zerriss der Diskuswerfer des SC Charlottenburg auch noch sein Trikot, warf es auf den Boden und posierte vor Kameras und Zuschauern, wie es sonst höchstens amerikanische Sprinter tun. „Musste einfach weg, das Trikot. Musste alles weg, raus“, sagte Harting.

Der Diskus musste an diesem Abend auch weit weg von ihm, er landete bei 66,68 Metern, das war gerade angesichts des nicht so angenehmen Klimas schon ein Langstreckenflug. „Da hätte ich wirklich nicht mit gerechnet“, sagte Harting, der ursprünglich aus Cottbus kommt. Auch auf der Tribüne schien diese Medaille niemand so recht eingeplant zu haben, denn dem Sieger Gerd Kanter wurde eine estnische Flagge gereicht und dem Bronzemedaillengewinner Rutger Smith eine niederländische, aber eine deutsche Fahne war nicht aufzutreiben. Harting schien das nichts auszumachen. „Die anderen hatten doch ihre Fahnen, da wäre das nur aufgesetzt gewesen, wenn ich auch noch so rumgehampelt wäre.“

Dann lieber spontan sein, und spontan stellte Harting auch eine Forderung an den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV). 2500 Euro soll der seinem Trainer Werner Goldmann bezahlen, so viel habe der Flug nach Osaka gekostet, und Goldmann habe die Kosten selbst getragen. Es ist ein eigenartiger Streit zwischen Harting und dem Verband. Der DLV nahm lieber einen anderen Trainer für die Diskuswerfer mit nach Osaka, Goldmann erhielt zwar noch eine Akkreditierung, aber für die Reisekosten musste er selbst aufkommen. Das hatte den Gerechtigkeitssinn des 22 Jahre alten Werfers verletzt. „Der Verband fördert immer die alten Holzäpfel“, sagte er und meint damit wohl unter anderem den Wattenscheider Michael Möllenbeck, der schon etwas länger im Geschäft ist und in Osaka wegen einer Verletzung die Qualifikation nicht bestreiten konnte. „Manchmal frage ich mich, ob der Verband mich überhaupt will“, sagte Harting.

In der Vergangenheit hatte sich allerdings Harting auch gefragt, ob er sich selbst noch will, sich als Diskuswerfer. „Ich war nicht mehr der Robert Harting“, sagte er. Eine Krise machte er durch, nachdem er 2005 U-23-Europameister geworden war. Er wollte immer gewinnen und hielt seinen eigenen Druck wohl nicht mehr aus. Schließlich setzte er die Karriere dann aber doch mit seinem alten Trainer Goldmann fort. „Ich bin ihm sehr dankbar, dass er mich wieder aufgenommen hat“, sagte Harting.

Wenn er so weitermacht, dann kann er vielleicht noch ganz andere Erfolge erreichen. Das hat ihm an diesem Abend auch eine Legende des Diskuswerfens bescheinigt, der Litauer Virgilijus Alekna. Zweifacher Olympiasieger ist er, aber in Osaka musste er seit langer Zeit wieder eine Niederlage einstecken, er wurde mit 65,24 Metern Vierter. „Ich habe vor einer Woche eine Muskelverhärtung mit Krämpfen in der Wade gehabt“, sagte er. Und was hält er von dem neuen starken Mann im Diskuswerfen? „Der Deutsche?“, fragte Alekna zurück. „Er ist der neue Lars Riedel.“ Ein größeres Kompliment hätte Alekna Harting kaum machen können, als ihn mit einem fünffachen Weltmeister und Olympiasieger zu vergleichen.

Es schien überhaupt an diesem Abend eine neue Zeitrechnung im Diskuswerfen begonnen zu haben. Harting auf dem Siegerpodest, Alekna entthront und vor allem der erste Titel für den Esten Gerd Kanter. Mit 68,94 Meter war sein Diskus der Konkurrenz davongeflogen. Nun hat er etwas ganz Großes vor: den Angriff auf den Weltrekord. Das ist deshalb so ein kühner Plan, weil der Schweriner Jürgen Schult den Rekord von 74,08 Metern im Jahr 1986 aufgestellt hatte, also in der Hochphase des Anabolikadopings. Die Frage ist, ob ein solcher Rekord überhaupt zu schlagen ist?

„Natürlich, man braucht ein gutes Team dazu und viel harte Arbeit“, sagte Kanter. Und wohl ein so großes Konzentrationsvermögen wie er. Weil er alle Möglichkeiten ausreizen will, arbeitet Kanter mit einem Trainer, einem Arzt, einem Biomechaniker und einem Ernährungsexperten zusammen. Seine Internetseite hat der Este „Team75Plus“ genannt. 74,09 Meter wären Gerd Kanter wohl nicht genug. „Man muss doch eine Herausforderung haben.“

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