Sport : Leichtathletik-WM: Drechsler leidet, Kleinert jubelt

Jörg Wenig

Im Commonwealth-Stadion lagen Glück und Pech etwa 200 Meter auseinander. Als am Kugelstoßring klar war, dass Nadine Kleinert-Schmitt das erste Mitglied der deutschen Mannschaft ist, das eine Medaille bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften gewonnen hatte, saß eine enttäuschte Olympiasiegerin Heike Drechsler auf einem Plastikstuhl im Schatten des Einlaufplatzes. Während Nadine Kleinert-Schmitt mit einer persönlichen Bestleistung von 19,86 m Zweite geworden war, gab Drechsler Auskunft über ihr Missgeschick.

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Im doppelten Sinne war die 36-Jährige in ein Loch gefallen. Da war zum einen ein reales Loch in der Weitsprunggrube und dadurch entstand das psychische Loch bei Heike Drechsler. Als die zweimalige Olympiasiegerin und Weltmeisterin sich einsprang, war die Weitsprunggrube an einer Stelle noch nicht richtig zugeharkt. Erst als sie absprang, sah sie das Dilemma. "Ich habe dann versucht, im Sprung auszuweichen und dabei wohl irgendeine blöde Bewegung gemacht", erzählt Heike Drechsler. Nach einer ersten Diagnose erlitt sie eine Adduktorenzerrung im rechten Oberschenkel.

Zunächst hoffte sie noch, die Weitsprung-Qualifikation für das heutige Finale trotzdem zu überstehen. Doch nachdem sie beim ersten Versuch durchgelaufen war, bekam sie beim zweiten Anlauf keine Geschwindigkeit mehr und hopste nur noch 4,45 m weit. Dann musste Heike Drechsler einsehen, dass ihre Pechsträhne bei Weltmeisterschaften auch in Edmonton nicht zu Ende ging. Zum letzten Mal hatte sie in Stuttgart 1993 eine Medaille gewonnen. Vor zwei Jahren war sie verletzungsbedingt erst gar nicht nach Sevilla gereist. In Edmonton verzichtete sie auf den letzten Versuch. "Da gehen einem dann schon Bilder durch den Kopf: Das ganze Jahr hat man sich geschunden und trainiert ... , und die Form wurde immer besser."

Heike Drechsler hatte sich einiges ausgerechnet. "Ich war total motiviert. Und ich hatte im Training so gute Sprintzeiten wie zuletzt vor drei Jahren. Aber irgendwie sind Weltmeisterschaften wohl nicht so mein Ding", sagt Heike Drechsler. Ihre Saison ist zwar beendet, trotzdem denkt sie positiv. "Ich bleibe in Edmonton. Wir haben eine junge Mannschaft, und ich möchte versuchen, sie zu unterstützen."

Als sie das sagte, wusste sie noch nichts vom Erfolg der Nadine Kleinert-Schmitt. "Ich habe eine Silbermedaille bei der WM gewonnen, ich habe Astrid geschlagen und eine persönliche Bestleistung aufgestellt - mehr kann ich nicht wollen, das ist ein perfekter Tag", sagte die Kugelstoßerin des SC Magdeburg jubelnd, die bereits im ersten Versuch 19,54 m vorgelegt und damit bereits die Grundlage für den Medaillengewinn geschaffen hatte. "Ich habe zu Nadine nach ihrem ersten Versuch gesagt: Das ist Silber", erzählte Astrid Kumbernuss, die mit 19,25 m nur Rang sechs belegte. "Nadine sagte zu mir, das sei Quatsch. Und daraufhin habe ich ihr gesagt: Pass auf, ich habe zehn Jahre Erfahrung." Sie behielt Recht. Nur die Olympiasiegerin Janina Koroltschik (Weißrussland) stieß mit 20,61 m noch weiter. Noch ein Werfer hat gute Chancen auf eine Medaille, eine goldene womöglich. Lars Riedl warf den Diskus in der Qualifikation 68,26 Meter weit und erzielte eine neue deutsche Jahresbestleistung. Die Entscheidung fällt in der Nacht zum Donnerstag.

Astrid Kumbernuss setzt sich nun andere Ziele, zum Beispiel das Grand-Prix-Finale. Da geht es ihr besser als Heike Drechsler, deren Saison beendet ist. "Aber für meine Karriere gilt das nicht", sagte die Weitspringerin. "Man sollte mich nicht abschreiben. Ich denke nicht ans Aufhören, sondern an die EM im nächsten Jahr in München." Die nächste WM findet 2003 in Paris statt. "Klar, ich denke auch an Paris."

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