Sport : Leichtathletik-WM: Ein Gewinn

Jörg Wenig,Frank Bachner

Zweimal presste Ingo Schultz das Wort hervor. Zweimal sagte er "Unglaublich". "Unglaublich" schrie auch ein deutscher Radioreporter, als er das 400-m-Finale der Leichtathletik-WM in Edmonton kommentierte. Dann schrie er noch "super" und "sensationell", und wenn Ingo Schultz Gold gewonnen hätte, dann wäre der Reporter wohl wegen Herzschwäche am Mikrofon zusammengebrochen. Aber Ingo Schultz aus Hamburg gewann nur Silber, doch das genügte, um die bislang größte Sensation dieser Weltmeisterschaften perfekt zu machen. Ingo Schultz, 26, wird Vize-Weltmeister, in 44,87 Sekunden. Das war die Nachricht dieses WM-Tages aus deutscher Sicht. Avard Moncur aus den Bahamas gewann Gold, in 44,64 Sekunden.

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Ingo Schultz WM-Zweiter, das ist eine dieser fast unglaublichen Geschichten. Moncur fasst die gesamte Sensation dieses Erfolgs mit einem Satz zusammen. "Den Namen Schultz", sagt der Weltmeister, "habe ich gestern das erste Mal gehört." Da war Schultz im Halbfinale 44,66 Sekunden gelaufen, plötzlich hatte er die drittschnellste Zeit erreicht, die je ein deutscher 400-m-Läufer erzielt hatte.

Und dann das. Da rennt einer zu Silber, der vor drei Jahren seinen ersten 400-m-Lauf bestritten hatte. 1996 war Ingo Schultz an die Offiziersschule in Hamburg gekommen und studierte Elektrotechnik. Er ging zur Sport-AG Leichtathletik, traf dort auf Trainer Jürgen Krempin und wurde Mitglied der TSG Bergedorf. Und Krempin traf auf ein Riesentalent. 1997 lief Schultz beim Hamburg-Marathon bereits 3:37 Stunden. Dann wurde er bei den Hamburger Meisterschaften Dritter im Kugelstoßen. "Und plötzlich lief er ohne Spikes schneller als meine 400-m-Läufer mit Spikes", sagt Krempin. 49,45 Sekunden rannte Schultz 1998; ein Jahr später, bei der Deutschen Meisterschaft, 45,99 Sekunden. Platz vier.

Und jetzt ist er Vize-Weltmeister. Warum? Weil Ingo Schultz Schmerzen erträgt, mehr Schmerzen als viele andere Menschen. Ingo Schultz ist für die 400 m geschaffen, die härteste Strecke in der Leichtathletik. "Wenn man an seine absolute Leistungsgrenze kommt, dann gibt das schon einen Kick", sagt Schultz. Nach Intervallübungen in einem Trainingslager hatte Schultz mal einen Laktatwert von 26 Millimol. "Es gibt Leute", sagt Schultz, "die sind bei 20 Millimol nicht mehr lebensfähig." Er hätte natürlich abbrechen können, aber das tat er nicht.

Schultz läuft auf die denkbar einfachste Weise: lossprinten und beten. "Ich hoffe, dass ich auf den letzten Metern nicht einbreche." Es hat etwas von archaischem Verhalten. Er kämpft ganz allein gegen sich. Er sucht den Punkt des absolute Zusammenbruchs. Millimeter davor stoppt er. Den Oberleutnant Schultz würde es "reizen", die Ausbildung der Kampfschwimmer der Bundesmarine mitzumachen. Kampfschwimmer-Übungen gehen an die Grenze dessen, was ein Mensch ertragen kann.

Er ist dieses Denken gewohnt. Früher spielte er Schach im Verein, er spielte Geige im Orchester, sang zudem im Chor, "das war geistig schon anstrengend". Und im Studium hatte er eine Phase, da stand er um sechs Uhr auf, lernte, studierte, trainierte und lernte abends um elf immer noch. Nach drei Monaten war er "völlig groggy". Länger hatte selbst er das nicht durchgehalten. "Der Körper", sagt er, "zeigt einem die Grenze."

Einmal konnte er nach einem 400-m-Lauf zwei Stunden lang nicht richtig sprechen. In Dortmund, vor der WM, redete er nach seinem Lauf zwar mit Lars Figura. Aber er antwortete rein mechanisch. Er bekam nichts mit. Figura erzählte ihm eine Woche später von dem Gespräch. Schultz blickte nur ratlos. "Ich konnte mich beim besten Willen nicht mehr erinnern."

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