Leichtathletik-WM : Franka Dietzschs starke Gefühle

Über ihre Wangen liefen Tränen: Franka Dietzsch ist von ihrem dritten WM-Titel im Diskuswerfen überwältigt – es ist ihr schönster.

Friedhard Teuffel
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Franka Dietzsch feiert ihren Wurf auf 66,61 Meter. -Foto: dpa

OsakaEben war sie noch eine starke Frau, die stärkste unter den Diskuswerferinnen, und das will einiges heißen, aber der Erfolg war wohl noch etwas stärker als sie. Mit Leichtigkeit hat er Franka Dietzsch nämlich in ein großes, sensibles Mädchen verwandelt. Über ihre Wangen liefen Tränen, und sie ging auf einmal neben dem Wurfring auf und ab, als wüsste sie gar nicht mehr, ob sie nun ihren Rucksack packen sollte oder noch einmal ins Publikum winken oder mit ihren Konkurrentinnen plaudern, oder, oder, oder. Das heißt auf jeden Fall, dass sich Franka Dietzsch noch nicht daran gewöhnt hat, Weltmeisterin zu werden, obwohl es nun schon ihr dritter Titel ist. Ist es vielleicht sogar der schönste? Da muss sie ein wenig überlegen mit zusammengekniffenen Augen, drückt ein bisschen an den beiden kleinen Kuscheltieren herum, die an ihrem Rucksack baumeln und sagt dann: „Das würde ich schon sagen, wegen der ganzen Situation.“

Zu ihrer Situation gleich mehr, für die Situation der deutschen Leichtathletikmannschaft bei den Weltmeisterschaften in Osaka heißt das erst einmal: Sie hat eine hübsche Steigerung hingelegt von Bronze im Kugelstoßen durch Nadine Kleinert über Silber im Diskuswerfen durch Robert Harting zu Gold durch Franka Dietzsch. Ihr Sieg mag am Ende ein bisschen knapp geworden sein, weil ihr eine junge russische Dame noch gefährlich nah auf den Leib rückte, aber es ist dennoch der erwartet souveräne Titelgewinn geworden. Franka Dietzsch ist nun für die deutschen Leichtathleten bei Weltmeisterschaften so verlässlich wie einst der Hackl Schorsch im Rodeln.

Nur dass sie selbst nicht damit gerechnet hat, und damit nun zu ihrer Geschichte. Franka Dietzsch ist 39, und dass sie nicht mehr die Jüngste ist, wollte ihr vor dieser Meisterschaft ihre Achillessehne zeigen. Die meldete sich regelmäßig und gab nur Ruhe, wenn sie per Spritze betäubt wurde – wie im Finale. „Das hat mir schon ziemliche Sorgen gemacht. Ich wusste daher: die ersten drei Würfe müssen sitzen“, erzählte sie. Gedacht, getan. Es wurde ein Start-Ziel-Sieg für sie, schon der erste Wurf war der weiteste des ganzen Wettbewerbs: 66,61 Meter, der zweite landete immerhin bei 66,48 Meter und hätte auch noch zum Sieg gereicht. „Das ist eine stolze Weite bei Linkswind, denn bei Linkswind zu werfen, ist nicht gerade ihre Stärke“, sagte ihr Trainer Dieter Kollark. Mit der Sachlichkeit eines Meteorologen hatte er auch diesen Titel wieder zur Kenntnis genommen, während also Dietzsch immer emotionaler wird, lässt sich der Neubrandenburger Coach immer weniger anmerken.

Bei aller Akribie konnte Kollark immerhin ein Irrtum an diesem Abend nachgewiesen werden. Er hatte sich ein wenig in Dietzsch und ihrer härtesten Konkurrentin getäuscht. Als im vergangenen Jahr Daria Pischtschalnikowa in Göteborg Europameisterin wurde und Dietzsch Zweite, sagte er über die jetzt 22 Jahre alte Russin: „Die ist so jung und hat so viel Talent, dass Franka sie nicht halten können wird.“ Doch Dietzsch hat sie noch einmal übertroffen, da half Pischtschalnikowa auch nicht, dass sie im vorletzten Wurf mit 65,78 Metern persönliche Bestweite erzielte. Sie sagte danach: „Ich bin zufrieden mit dem Wettbewerb, der letzte Wurf hätte noch weiter sein können, aber gegen diese Deutsche ist im Moment nicht zu gewinnen.“

Kollark wiederholte es trotzdem noch einmal. „Franka wird sie nicht halten können. Die ist jung, sieht gut aus, wirft gut und kommt aus Russland. Ihr wisst schon, was ich damit sagen will“, erklärte er und schaute vielsagend in die Runde.

Gegen Dopingverdächtigungen musste sich Franka Dietzsch bisher noch nicht wehren, ihre Konstanz ist vielleicht ihr bestes Alibi. Kollark hat mitgezählt, dass sie nun schon 23 Jahre weiter als 60 Meter wirft, und dass es nur fünf Frauen in der Leichtathletik gibt, die dreimal Weltmeisterin in einer Disziplin geworden sind. „Ich habe die erste von ihnen trainiert, Astrid Kumbernuss, und jetzt eben Franka.“ Vielleicht wird Franka Dietzsch auch die reifste Olympiamedaillengewinnerin, die er je trainiert hat. Wer sich so freut wie ein Mädchen, ist auf jeden Fall noch jung genug zum Weiterwerfen.

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