Sport : Leichtathletik-WM: Gegen den Wind

Frank Bachner

Herrlich, dieser Radioreporter. Überschlug sich fast vor Begeisterung, als Ingo Schultz zum Silbermedaille über 400 m lief. Herrjeh, wer kannte denn diesen Schultz, diesen Schlacks, der sich da auf den letzten Metern noch auf Platz zwei vorarbeitete, mit schmerzverzerrtem Gesicht und schweren Schritten. Bestimmt war Schultz dem Zusammenbruch nahe, aber trotzdem wirkte er noch auf seltsame Art locker und unaufhaltsam in seinem Drang nach vorne. Er hatte für einen Moment so etwas Heldenhaftes, ein Mann wächst über sich hinaus, und ein Radioreporter fängt diese Stimmung und diese Atmosphäre mit kreischender Stimme ein, als könnte er ihm mit jedem Wort noch etwas mehr nach vorne schieben.

Zum Thema Fotos von der Tartanbahn: Die Leichtathletik-WM in Bildern
Wie schön. Leichtathletik hatte wieder die Spannung und Dramatik und ein neues Idol. Leichtathletik hatte sich wieder reduziert auf Leistung und den Kampf Mann gegen Mann. Es hatte die Erinnerung an Doping für einen Moment abgeschüttelt.

Aber eines verkörperte diese Szene nicht. Die Wiederauferstehung der deutschen Leichtathletik. Schultz steht nicht für die Rückkehr von alten Zeiten, als die Deutschen reihenweise Medaille sammelten und auf breiter Ebene Weltklasse verkörperten.

Schultz steht für etwas ganz anderes. Für diesen Typus von Sportlern, den der Sprint-Bundestrainer Uwe Hakus so sehr sucht. Ein Athlet, der den Leistungsgedanken verinnerlicht hat. Einer, der so sehr von innen heraus getrieben ist, dass er keinen Trainer als Kindermädchen benötigt. Hakus hat vor nicht allzu langer Zeit gehört, wie etablierte deutsche Sprinter mit großen Augen beteuerten, sie könnten heute natürlich keine guten Zeiten laufen, es herrsche Gegenwind. Schultz ist solcher Kleinkram egal.

Aber Schultz ist auch der Kopf einer Gruppe Gleichgesinnter. Es rücken immer mehr Athleten nach, die nicht greinen, wenn der Wind von vorne bläst. Tim Goebel zum Beispiel, der Sprinter. Schultz ist 26, Goebel ist 19. Die Zukunft der deutschen Leichtahletik sieht nicht ganz so schlecht aus.

0 Kommentare

Neuester Kommentar