Leichtathletik-WM : Geht doch

Sonne, Partys, Sport: Am ersten Wettkampftag kamen die Berliner langsam in Stimmung – daraus könnte ein Fest werden.

Eva Kalwa
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Szenen des ersten WM-Tags. Am Brandenburger Tor war es nicht mal fünf Minuten vor dem Start sehr voll. Doch die Euphorie kam mit...EPA

Wie im Halbschlaf liegt die Stadt an diesem Samstagmorgen. In der milden Sonne gehen Eltern mit ihren Kindern einkaufen oder in den Park. Nichts deutet in Mitte, Prenzlauer Berg oder Charlottenburg auf die spannende, stadtumfassende Atmosphäre hin, die der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit am Freitag in seiner Begrüßungsrede zur WM beschwor. In der S-Bahn zum Brandenburger Tor: einige Pärchen und Touristen. Keine fröhlich lärmenden, in Nationalfarben geschminkten und mit Fahnen behängte Fans auf ihrem Weg zum Start der Geher über 20 Kilometer. Der findet erstmals bei so einem Großereignis am Brandenburger Tor statt, wo sich auch das Ziel des zwei Kilometer langen Rundkurses befindet. Um 13 Uhr geht es los. Nun ist es 10.20 Uhr, und auf dem Pariser Platz riecht es angebrannt.

Die Getränke- und Essensbuden am „Kulturstadion“ mit den zwei Bühnen bereiten sich gerade erst auf das Tagesgeschäft vor. Viel ist hier noch nicht los, ein paar Ordner und die grün gekleideten Wettkampfhelfer treffen ihre Vorbereitungen: Sie bringen bunte Bodenmarkierungen an und stellen blaue Plastikwannen mit Wasser auf, zur späteren Erfrischung der Athleten. Die meisten Menschen bleiben kurz neugierig stehen, schauen einen Moment – und tragen ihre Einkaufstüten dann weiter, über die blaue Laufbahn des Kulturstadions. „Lass uns abhauen“, ruft eine junge hochschwangere Frau ihrem Freund zu, als sie sich mit letzter Mühe durch den Absperrzaun zwängt. „Diese WM ist ja überall!“

Längst nicht überall – bisher. Aber im Olympiastadion, das zu dieser frühen Stunde allerdings auch noch ziemlich leer ist. Und eben am Rundkurs vom Brandenburger Tor bis runter zum Standbild des Alten Fritz. Echte Leichtathletik-Fans lassen sich von der bisher verhaltenen Resonanz der nur mäßig neugierigen Berliner und Touristen jedoch nicht täuschen. Sie sind überzeugt, dass es noch richtig voll wird: Vroni Meyer-Burgdorff aus Hameln hat sich daher an einem Stand einen großen Holzstuhl geliehen und an der Absperrung im Start- und Zielbereich aufgestellt. Der einwöchige Besuch bei ihrer 27-jährigen Tochter Juliane in Berlin fällt für die Leichtathletik-Begeisterte glücklicherweise mit der WM zusammen: „Diesen Trubel muss man doch einmal miterleben!“

Ein paar Meter weiter werden die ersten großen Deutschlandflaggen vorbeigetragen, die Musikanlage wird aufgedreht. Die stolzen Fahnenträger sind die Eltern des Berliner Gehers André Höhne, die sich einen guten Platz an der Strecke suchen wollen. Noch dürfte das, 90 Minuten vor dem Start, kein großes Problem sein. Doch Vater Wolf-Dietrich Höhne relativiert: „So viele Menschen aller Nationen habe ich bei einem Geher-Wettkampf noch nie gesehen!“

Und tatsächlich, langsam wird es voller Unter den Linden. An der Absperrung hängt neben einer Fahne aus Ecuador die mexikanische und auf der Friedrichstraße hüpfen rot-gelb geschminkte Spanier auf und ab. Plötzlich liegt ein Hauch Sommermärchen wie bei der Fußball-WM 2006 in der Luft. Einen Kilometer weiter, in der „Vattenfall Energie Arena“ im Sony-Center am Potsdamer Platz, springt der achtjährige Fabian in die Weitsprunggrube des Übungsparcours. Wie er die WM findet? „Großartig“, sagt Fabian, der selbst bei den Sportfreunden Kladow Leichtathletik trainiert. Auch seine Mutter ist begeistert: „Ich habe mich nur gewundert, dass ich eben noch so entspannt einen Parkplatz nahe am Brandenburger Tor gefunden habe.“

Das dürfte nun nicht mehr klappen. Tausende Menschen stehen um kurz vor eins am Streckenverlauf, viele schwenken Fahnen und Rasseln. Mit dem Startschuss und den ersten vorbeiziehenden Athleten bricht der Jubel los. Als sei Berlin an diesem Vormittag auf einen Schlag erwacht. Da war doch was? Ach ja, die WM! Und das Schönste: Jeder Sportler wird beklatscht und angefeuert. Egal, ob er ganz vorne geht oder im Verfolgerfeld wie der 31-jährige André Höhne, der am Ende Platz 14 belegt. Das Publikum ist hier – genauso wie im rund ein Fünftel besetzten Olympiastadion – am ersten Wettkampftag großzügig und schert sich bei aller Begeisterung für die eigenen Athleten herzlich wenig um Nationalitäten.

Das beobachtet auch der Ire Paul Mulholland, der extra für die Wettkämpfe nach Berlin gereist ist: „Bei der Leichtathletik feiern alle Nationen gemeinsam – das ist anders als beim Fußball“, sagt der Marathonläufer. Und er glaubt noch aus einem anderen Grund, dass die WM ein großer Erfolg wird: „Das deutsche Publikum versteht viel von Leichtathletik, das ist wichtig für so ein Ereignis.“ Es mag bei dieser WM keine flatternden Deutschlandflaggen an den Autos geben und keine riesige bierselige Fanmeile. Doch das Publikum scheint mit dem Startschuss der Geher aufgewacht, 100 000 Zuschauer sollen es am Ende sein. Und vielleicht findet so mancher, der bisher nicht daran gedacht hat, doch auf die Ränge des Olympiastadions. Der Weg ist das Ziel. Auch bei dieser WM.

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