Leichtathletik-WM : Herzschlagfinale über 100 Meter: Campbell holt Gold

Knapper fiel noch keine Medaillenentscheidung bei einer WM aus: Die Jamaikanerin Campbell gewann in einem denkwürdigen Finallauf Gold über 100 Meter. Im 10.000-Meterlauf degradierte der Kenianer Bekele die Konkurrenz. Deutsche Medaillengewinner gab es nicht.

Ulrike John,Ralf Jarkowski[dpa]
Campbell
100-Meter-Siegerin Veronica Campbell auf der Ehrenrunde. -Foto: AFP

OsakaIn einem historischen Herzschlagfinale hat Veronica Campbell bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Osaka die Sprint-Krone an sich gerissen. Die Jamaikanerin siegte am Abend in Osaka über die 100 Meter in 11,01 Sekunden mit einem Wimpernschlag-Vorsprung und entthronte damit die zeitgleiche Titelverteidigerin Lauryn Williams. Carmelita Jeter (ebenfalls USA) lag als Dritte nur eine Hundertstel zurück. Es war die knappste Medaillenentscheidung, die es jemals bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen gab. Die anderen Titel gingen an Kenenisa Bekele (Äthiopien) über 10.000 Meter, den Portugiesen Nelson Evora im Dreisprung, die Russin Jekaterina Wolkowa über 3000 Meter Hinternis und Hammerwerfer Iwan Tichon aus Weißrussland.

Dagegen hat Hammerwerfer Markus Esser den großen Wurf verpasst, so dass die deutsche Mannschaft weiter auf die zweite Medaille warten muss. Genau 1,94 Meter fehlten dem Leverkusener zum ersehnten Edelmetall. Der EM-Vierte enttäuschte als Achter mit 79,66 Metern. Der Gold-Coup gelang dagegen wieder dem bärenstarken Tichon: Er gewann mit der Weltjahresbestweite von 83,63 Metern seinen dritten Titel nach 2003 und 2005. Den richtigen Dreh hatte zuvor Diskuswerferin Franka Dietzsch gefunden: Die Titelverteidigerin präsentierte sich bei der Qualifikation bereits in Topform und soll der 59-köpfigen deutschen Mannschaft am Mittwoch den ersten Triumph bescheren.

Esser blieb hinter eigenen Erwartungen zurück

Nachdem Nadine Kleinert am Tag zuvor mit Bronze im Kugelstoßen die erste Medaille geholt hatte, sorgte Esser für den ersten herben Rückschlag. "Das war das beste Finale meines Lebens. Ich bin froh, dass ich dabei war. Schade, dass ich als einziger unter 80 Metern geblieben bin", sagte Esser. Dabei wollte der deutsche Meister nach vierten Plätzen bei der letzten EM und WM endlich aufs Treppchen.

Tichon schaffte unterdessen bei dieser WM als vierter Athlet nach Geher Jefferson Perez (Ecuador), Siebenkampf-Königin Carolina Klüft (Schweden) und Bekele das Triple. Der Olympiasieger aus Äthiopien degradierte in einem 10.000-Meter-Rennen ohne Europäer die anderen zu Mitläufern und siegte in 27:05,90 Minuten. Jetzt fehlt ihm noch einmal WM-Gold, um mit seinem großen Vorbild Haile Gebreselassie gleichzuziehen.

Zielfoto zeigt alle gleichauf

Atemlose Spannung lag nach dem Zieleinlauf der Sprinterinnen über dem mit nur 25.000 Zuschauern halb leeren Nagai-Stadion: Das Zielfoto zeigte Campbell, Williams und Jeter gleichauf. In den Computern purzelten die Zahlen und Zeiten nur so durcheinander. Erst führte Torri Edwards (USA), dann standen plötzlich 200-Meter-Olympiasiegerin Campbell und Williams gemeinsam auf Rang eins. Als das Endergebnis dann auf der Anzeigetafel aufleuchtete, spurtete die Jamaikanerin noch einmal los - auf die Ehrenrunde.

"Obwohl wir das Ergebnis des Fotofinish noch nicht kannten, wusste ich, dass ich eine Topgeschwindigkeit und einen starken Endspurt hatte", erklärte Campbell. "Diese Medaille bedeutet mir sehr viel. Der WM-Titel fehlte mir noch in meiner Kollektion." Die Karibik-Sprinterin wird ebenso wie 100-Meter-Weltmeister Tyson Gay (USA) von Lance Brauman trainiert, der derzeit in einem Gefängnis in Texas eine Haftstrafe absitzt.

Während die Drittplatzierte Jeter "Tränen der Freude" vergoss, ärgerte sich Williams schwarz: "Wenn ich realisiert hätte, wie knapp es war, dann hätte ich mich nicht so früh zurückgenommen und noch zwei, drei energische Schritte gemacht." Dennoch war die 23-Jährige "stolz ein Teil dieses Fotofinish gewesen zu sein".

Dietzsch auf Goldkurs

Hellwach hatte sich am Morgen Diskuswerferin Franka Dietzsch präsentiert. Die 39-jährige Neubrandenburgerin weckte mit der Tagesbestweite von 65,17 Metern Hoffnung auf ihr drittes Gold nach 1999 und 2005 - bei ihrer neunten WM. Am liebsten hätte sie gleich um die Medaillen geworfen, doch die werden erst am Mittwoch vergeben. "Ich bin ruhig. Mit tut nichts weh, die Achillessehne hält", erklärte sie mit strahlender Miene.

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