Leichtathletik-WM in Moskau : Bolt gegen Bolt

Sag' mir, wo die Gegner sind? Bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Moskau kann sich der Jamaikaner Usain Bolt nur selbst schlagen.

Reinhard Sogl
Moskau lässt die Puppen tanzen. Ob auch Bolts Marionette immer noch schneller ist als die Konkurrenz?
Moskau lässt die Puppen tanzen. Ob auch Bolts Marionette immer noch schneller ist als die Konkurrenz?Foto: AFP

Die kreativen Köpfe der Agentur, die für die Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Moskau die Werbeplakate entwarfen, haben durchaus Sinn für Ironie. Das Poster ist gleichermaßen surreal wie wirklichkeitsnah. Da läuft, wer sonst, Usain Bolt voraus, verfolgt von einem Klon mit Bart. Der schnellste Mann der Welt kann sich nur selbst schlagen.

Wenn Usain Bolt an diesem WM-Eröffnungswochenende über die 100 Meter antritt, auf denen die beiden deutschen Beinahe-Rekordler Martin Keller aus Leipzig und Julian Reus vom TV Wattenscheid das Halbfinale zu erreichen hoffen, hat er keine Gegner zu fürchten. Sein jamaikanischer Landsmann Yohan Blake kann den Titel aufgrund einer Verletzung nicht verteidigen, Justin Gatlin aus den USA glaubt nur selbst an eine Siegchance und der vermeintliche Herausforderer und Jahresbeste Tyson Gay ist nach seinem positiven Dopingtest in Moskau nicht am Start. Der deutsche Verbandspräsident Clemens Prokop konnte sich diese Bemerkung nicht verkneifen: „Gerade im Sprint hatte man ja zwischenzeitlich den Eindruck, dass es schwierig wird, acht Finalisten zusammenzubekommen.“

Gefahr droht Bolt auch nicht aus dem Labor. Bei Dopingkontrollen ist er noch nie positiv aufgefallen. „Ich bin sauber“, behauptet der Weltrekordler über 100 und 200 Meter jedenfalls selbst. Genauer: behauptete er selbst.Denn dem großen Entertainer, der in den Tagen vor den Weltmeisterschaften 2009 in Berlin, 2011 in Daegu und den Olympischen Spielen 2012 in London bei von seinem Ausrüster medienwirksam inszenierten Auftritten stets seine One-Man-Show abzog, hat es die Sprache verschlagen. Kein Wort des sonst so kommunikativen Jamaikaners an die zahlreichen Medienvertreter, die am Donnerstag der Einladung des jamaikanischen Teams zum öffentlichen Training auf den Warmlaufplatz hinter dem Luschniki-Stadion gefolgt waren. Ein paar lockere Läufe, einige Späßchen mit den Mannschaftskollegen, zum Abschluss eine Massage vor den surrenden Kameras, dann die Kopfhörer auf und ab durch die Mitte. Usain Superstar macht sich rar.

Auf Interviews hat Bolt keinen Bock, seit er beim Diamond-League-Meeting vor zwei Wochen in London vor allem Fragen zum Mega-Thema Doping beantworten sollte. Er weiß, dass durch die prominenten Fälle von Tyson Gay sowie seiner Landsleute Asafa Powell, Sherone Simpson und Veronica Campbell-Brown mehr denn je auch seine wahnwitzig schnellen Zeiten in Zweifel gezogen werden. Statt selbst zu reden, ließ der 26-Jährige am Medientag seinen Manager Ricky Simms drei Sätze sagen: „Er möchte sich hier nur auf die Weltmeisterschaften konzentrieren.“ – „Er ist nur verantwortlich für seine eigene Leistung.“ – „Er ist in einer sehr guten Form, das hat schon sein letztes Rennen in London gezeigt.“

Am Ort seines zweiten olympischen Triples, mit dem er den selbst erklärten Status einer Legende erreichte, lief Bolt vor zwei Wochen persönliche Jahresbestzeit von 9,85 Sekunden, 27 Hundertstel über seinem in Berlin aufgestellten Weltrekord. Bei der WM 2009 legte er auch die 200 Meter in nie zuvor und seither nicht mehr erreichten 19,19 Sekunden zurück. Für Moskau hat er sich neben den Siegen über die beiden Sprintstrecken und in der Staffel vorgenommen, diese Marke auszulöschen. „Ich will Weltrekord laufen“, zitierte ihn die Zeitung „Jamaica Gleaner“.

Der Zeitung aus der Heimat hat Usain Bolt dieser Tage auch gestanden, was ihn nach all den Goldmedaillen und Rekorden noch antreibt: „Ich möchte eine so hohe Stufe erreichen wie die Allergrößten und im gleichen Atemzug genannt werden wie Michael Jordan, Muhammad Ali und Pele.“ Dopingvergehen sind von dem triumphalen Trio nicht bekannt.

Den Heroen ist gemein, dass sie in ihrer Karriere auch Niederlagen kassierten. Auch das ist Usain Bolt schon passiert. Vor zwei Jahren schlug sich der Mann, den keiner fangen kann, bei der WM in Daegu selbst. Bolt war schneller als der Schall: Disqualifikation im 100-Meter-Finale nach einem Fehlstart.

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