• Leichtathletik-WM in Peking: Teenager Ghirmay Ghebreslassie besiegt die Marathon-Weltelite

Leichtathletik-WM in Peking : Teenager Ghirmay Ghebreslassie besiegt die Marathon-Weltelite

Zum Auftakt der Leichtathletik-WM triumphiert ein krasser Außenseiter: Der 19-jährige Ghirmay Ghebreslassie schlägt im Marathon alle Favoriten.

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Achtung, Verwechslungsgefahr. Der neue Marathon-Weltmeister heißt fast so wie eine Legende seiner Disziplin aus Äthiopien.
Achtung, Verwechslungsgefahr. Der neue Marathon-Weltmeister heißt fast so wie eine Legende seiner Disziplin aus Äthiopien.Foto: dpa/Kappeler

Peking - Wenn er gemusst hätte, wäre Ghirmay Ghebreslassie auch noch weiter gelaufen. Der 19-Jährige hatte zwar bereits die Fahne seines Heimatlandes Eritrea um seine Schultern geschwungen, rechnete aber eigentlich damit, noch eine Runde im Olympiastadion von Peking drehen zu müssen, ehe er seinen Sieg im Marathon so richtig feiern durfte. Erst einige Meter nach der Ziellinie, die er in 2:12,28 Stunden überquert hatte, signalisierte ihm ein Helfer: Stopp, das Rennen ist vorbei – du bist der erste Weltmeister von Peking. Andere Läufer, die nach Ghebreslassie ins Ziel kamen, wurde dieser Service nicht zuteil. Sie wurden erst an der Hochsprunganlage von den Siebenkämpferinnen gestoppt oder hetzten fast eine ganze Runde lang über die Bahn, ehe sie verstanden, dass die 42,195 Kilometer und ihre Qualen beendet waren.

Zum Auftakt der Leichtathletik-WM lief am Samstagmorgen noch nicht alles ganz nach Plan. Nicht bei den Organisatoren und erst nicht bei den Marathon-Favoriten, die einem nahezu unbekannten Teenager den Sieg überlassen mussten. Die Kenianer Wilson Kipsang und Dennis Kimetto, die bei den vergangenen Ausgaben des Berlin-Marathons jeweils den Weltrekord verbessert hatten, konnten das Rennen beide nicht beenden. Titelverteidiger und Olympiasieger Stephen Kiprotich aus Uganda wurde immerhin Sechster.

Ghirmay Ghebreslassie wurde in Hamburg bei seinem ersten Marathon Zweiter

Ghirmay Ghebreslassie hatte zuvor erst einen einzigen Marathon von Start bis Ziel absolviert, im April war er in Hamburg Zweiter geworden. Vor einem knappen Jahr in Chicago war er ebenfalls am Star gewesen, allerdings nur als Tempomacher. Am Samstag nun schlug er die nahezu komplett versammelte Weltelite. „Ich habe mich bei Kilometer 34 entschieden, die Gruppe zu verlassen“, erzählte er hinterher. Allein Yemane Tsegay aus Äthiopien konnte ihm zunächst folgen und ihn vier Kilometer vor dem Ziel einholen. Aber der junge Mann aus Eritrea zeigte sich unbeeindruckt, setzte sich erneut ab und lief als Erster und mit deutlichem Vorsprung ins Vogelnest-Stadion. „Es war ein schwieriges Rennen“, sagte Tsegay. „Es war nicht nur heiß, sondern auch windig.“ Tsegay kam trotz Magenproblemen als Zweiter ins Ziel, Dritter wurde Solomon Munyo aus Uganda, ein weiterer krasser Außenseiter. Vierter wurde Ruggero Pertile, ein 41-Jähriger Italiener.

Hitze in Peking - Ghebreslassie: „Das Wetter war sehr schön für mich.“

Beim Start um 7.34 Uhr Ortszeit hatten die Organisatoren zwar nur laue 22 Grad gemessen, die Temperaturen stiegen im Laufe des Rennens bei nahezu wolkenlosem Himmel aber schnell an. Immerhin die berüchtigte Luftqualität der chinesischen Hauptstadt schien kein Problem darzustellen. Während der WM hat die Regierung veranlasst, dass Kohlekraftwerke abgeschaltet und der Autoverkehr halbiert werden. Ghirmay Ghebreslassie jedenfalls schien die Frage nach dem Smog gar nicht erst zu verstehen. Und die Hitze, so sagte er, kenne er von zuhause. „So bin ich aufgewachsen“, sagte Ghebreslassie. „Das Wetter war sehr schön für mich.“ Die Schwäche der Favoriten interessierte den jungen Sieger überhaupt nicht, der Zweitplatzierte Tsegay versuchte sich immerhin an enner Erklärung: „So etwas kann passieren. Selbst sehr starke Athleten haben manchmal mit den Konkurrenten, dem Wetter oder der Strecke zu kämpfen.“

Viel Publikum hatten die Marathonläufer am Samstagmorgen nicht, an der Strecke durch die Pekinger Innenstadt fanden sich kaum Zuschauer. Dabei war das Rennen durchaus spannend und abwechslungsreich, vor dem späteren Sieger versuchten sich auch Außenseiter aus der Mongolei oder Lesotho als Ausreißer. Wirklich Stehkraft bewies aber nur der Mann aus Eritrea. Ghebreslassie hat nun die Chance, seinen WM-Titel bei lukrativen Rennen in Europa und den USA auch finanziell zu nutzen. Dabei hatten seine Eltern eigentlich eine andere Karriere für ihren Sohn im Sinn. „Sie haben mich nicht unterstützt und gesagt, ich solle lieber weiter zur Schule gehen anstatt zu laufen“, sagte Ghebreslassie. „Aber jetzt sind sie auf meiner Seite.“

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