Sport : Leichtathletik-WM: Nils Schumann und das gute Omen

Jörg Wenig

Der Favorit heißt André Bucher - und das kann dem Olympiasieger Nils Schumann nur recht sein. 1997 hatte der Aufstieg des Thüringers begonnen, der seit Jahresbeginn für die LG Nike Berlin startet. Damals überraschte er als 19-Jähriger mit seinem Sieg bei den Junioren-Europameisterschaften, doch auf nationaler Ebene stand der 800-m-Läufer noch im Schatten eines Nico Motchebon. Das änderte sich jedoch schnell: in den nächsten drei Jahren gewann Nils Schumann fünf internationale Finalläufe.

Und abgesehen von der EM der unter 23-Jährigen 1999 waren immer andere die Favoriten gewesen. Ob Norwegens Olympiasieger Vebjörn Rodal bei der Hallen-EM 1998, Wilson Kipketer bei der EM 1998, der damalige Saisonbeste Japhet Kimutai (Kenia) beim Weltcup im gleichen Jahr und bei Olympia in Sydney 2000 wiederum Weltrekordler Kipketer oder Russlands Aufsteiger Juri Borsakowski - immer hieß der Sieger Nils Schumann. Nun also sprechen fast alle vom Schweizer André Bucher, der im Juni und Juli ein Meeting nach dem anderen gewann und die Jahresweltbestzeit auf 1:42,90 Minuten schraubte. "Aber, wenn man in der Vorsaison gut ist", weiß Nils Schumann, "heißt das noch nicht, dass man auch Weltmeister wird." Diese Erfahrung hat gerade auch André Bucher gemacht: Denn auch in der olympischen Saison beeindruckte der Schweizer im Vorfeld, doch in Sydney blieb ihm nur Rang fünf. "Letztes Jahr", erinnert sich Nils Schumann, "hat André gesagt: Ich bin der Favorit. Da habe ich mir gesagt, er hat mich vergessen. Dieses Jahr gibt es viele Stimmen, die sagen, jetzt schafft es der Nils nicht, dieses Mal wird André gewinnen. Und André hat gesagt, er hat vor keinem Angst - das ist für mich eine Motivation."

Es gibt im Vorfeld der WM für Nils Schumann eine gewisse Parallele zur Zeit vor Olympia in Sydney. Damals verzichtete Schumann mangels Form auf lukrative Meetings wie Zürich und ging statt dessen ins Trainingslager nach Oberhof. Dieses Mal verhinderte eine Muskelverletzung nach einem guten Saisoneinstand weitere Starts. Dennoch konnte Schumann trainieren, obwohl er im Vergleich zum Vorjahr wesentlich weniger Zeit hatte und die Trainingsqualität nicht so hoch war wie vor Sydney. In Oberhof und zuletzt in Calgary bereitete er sich jedoch wieder mit Hilfe seines früheren Trainers Dieter Hermann auf die WM vor. Schumann und Hermann hatten sich in Folge des Vereinswechsels von Erfurt nach Berlin getrennt. Nun jedoch spricht vieles für eine neue Zusammenarbeit, zumal Schumanns Vater Peter, der zwischenzeitlich die Betreuung übernommen hatte, wieder in den Schuldienst zurückkehrt. "Dieter Hermann sieht noch viel Potenzial in mir - und für mich wäre es schön, wenn es wieder zu ihm zurück ginge", sagt Schumann.

Bei den Weltmeisterschaften startete Schumann bisher erst einmal: Als Europameister wurde er im Finale 1999 Achter und damit Letzter. "Das hat weh getan. Ich habe da einiges gut zu machen, aber es wird nicht leicht." Andererseits erschien es lange nicht mehr so einfach wie dieses Mal, Weltmeister über 800 m zu werden. Wilson Kipketer muss verletzungsbedingt passen, Juri Borsakowski soll sehr zum Ärger des russischen Leichtathletik-Verbandes nicht starten. Sein Trainer möchte ihn schonen. Und André Bucher gilt nicht unbedingt als Mann eines oft von Taktik geprägten Finallaufes.

Einerseits wäre Nils Schumann mit dem Gewinn einer Medaille hoch zufrieden, andererseits sagt er aber auch: "Das ist eine Weltmeisterschaft. Hier geht es um den Sieg - und das kann ich gut."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben