Leichtathletik-WM : Obergföll wirft Europarekord

Außenseiterin Christina Obergföll hat als erste deutsche Speerwerferin die magischen 70 Meter übertroffen und Silber vor Steffi Nerius gewonnen. Die Kubanerin Osleidys Menendez holte mit Weltrekord die Goldmedaille.

Helsinki (14.08.2005, 20:01 Uhr) - Mit dem Europarekord von 70,03 Meter stellte die Offenburgerin am Sonntagabend sogar die Olympia-Zweite Steffi Nerius in den Schatten, für die aber Bronze blieb. Übertrumpft wurde das deutsche Duo von der überragenden Kubanerin Osleidys Menendez, die das speerwurfbegeisterte finnische Publikum gleich im ersten Versuch mit dem Weltrekord von 71,70 Meter von den Sitzen riss. Mit den Medaillen Nummer vier und fünf sind die deutschen Leichtathleten im Land der tausend Seen nach der Olympia-Pleite von Athen wieder aus der Versenkung aufgetaucht.

Das spannendste Speerwurf-Finale der WM-Geschichte war nach zehn Minuten entschieden: Der Gold-Speer von Olympiasiegerin Menendez flog 16 Zentimeter weiter als beim Weltrekord der Kubanerin vor vier Jahren. Christina Obergföll ließ sich aber nicht beeindrucken und landete im zweiten Versuch den größten Wurf ihrer Karriere: Gut drei Meter blieb die 23-jährige Badenerin über dem deutschen Rekord der Berlinerin Tanja Damaske (66,91), der nach sechs Jahren fiel. Steffi Nerius (Leverkusen) schaffte 65,96 m.

Im Jahr eins nach Athen ist wieder Aufbruchstimmung zu spüren, von einer Wende kann aber noch nicht die Rede sein. «Die WM macht Mut», sagte Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik- Verbandes (DLV), am Sonntag. «Wir sind auf einem guten Weg zu unseren strategischen Zielen, den Olympischen Spielen 2008 in Peking und der WM 2009 in Berlin.» Die Bilanz der WM 2003 in Paris (1 Silber/3 Bronze) wurde mit ein Mal Gold, ein Mal Silber und drei Mal Bronze übertroffen.

Das 52-köpfige DLV-Team hatte Diskus-Ass Franka Dietzsch als erste Weltmeisterin seit 2001 gefeiert. Zu den fünf Medaillen kamen neun weitere Endkampf-Platzierungen zwischen eins und acht. Auf die Oldies war Verlass, aber die Jungen sind stark im Kommen. Auf Top-Talente wie Sprinter Tobias Unger und Kugelstoßer Ralf Bartels kann der DLV bauen. «Die Talsohle von Athen ist durchschritten, das Tief liegt hinter uns, aber viel Arbeit liegt vor uns», meinte der Leitende Bundestrainer Jürgen Mallow.

«Die Bilanz der Medaillen und der Finalplatzierungen hat unsere Erwartungen übertroffen», resümierte Prokop. Mallow sprach von «einigen Enttäuschungen, aber deutlich weniger als in den Vorjahren». Ein paar mussten Lehrgeld zahlen, andere versagten, Stabartist Tim Lobinger verpasste bei den «Wind- und Wetter-Spielen» als enttäuschter Fünfter die vielleicht größte Chance seiner Karriere. Hammerwerferin Betty Heidler und Dreispringer Charles Friedek stolperten wie weitere zehn DLV-Kollegen bereits in der ersten Runde. In Paris waren noch 20 ausgefallen.

Nun geht der Blick nach vorn. Bei der Krisenbewältigung hat der DLV das Glück, dass sich seine Hoffnungsträger im nächsten Jahr in Göteborg «nur» mit der europäischen Konkurrenz messen müssen. Erst 2007 gibt es in Osaka wieder ein Weltchampionat. «Wir haben den Anspruch, zu den führenden fünf Leichtathletik-Nationen zu gehören, untermauert», erklärte Mallow. Mit der Supermacht USA wird sich der DLV aber auch künftig nicht messen können.

Marathon-Weltrekordlerin Paula Radcliffe holte sich endlich ihr erstes WM-Gold und kann ihr Trauma von Athen, als sie nach 35 Kilometern aufgab, nun vergessen. Jaouad Gharib (Marokko) verteidigte als erster Marathon-Mann seinen Titel. Das historische Double gelang Tirunesh Dibaba: Die Äthiopierin triumphierte nach den 10 000 Metern auch auf der halb so langen Distanz. Der frühere Marokkaner Rashid Ramzi schaffte dieses Kunststück über 800 und 1500 Meter im Nationaltrikot von Bahrain. Alle drei Medaillen gingen im 1500-m-Lauf der Frauen nach Russland.

Das «Verfallsdatum» der Superstars wird immer kürzer, nur eine scheint ihre Disziplin über Jahre hinaus beherrschen zu können: Stabhochspringerin Jelena Isinbajewa holte sich ihr erstes WM-Gold mit Glanz und Gloria. Dank der Weltrekord-Zugabe nahm die Überfliegerin wie ihre gehende Teamkollegin Olimpiada Iwanowa und Menendez einen Rekord-Scheck über 160 000 Dollar mit nach Hause. (Von Ulrike John und Ralf Jarkowski, dpa)

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