Sport : Leichtathletik-WM: Rücksichtnahme als Leistungsbremse

Ernst Podeswa

Auch bei Zwillingen kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem jeder seine eigenen Wege geht. Bei Birgit und Gabriele Rockmeier hat dieser Prozess fast ein Vierteljahrhundert gedauert. In Moosburg geboren, kamen die beiden flinken Mädchen mit 13 Jahren, 1987, beim TSV Jahn Freising in Oberbayern zu Trainer Heinz Löser. Nochmals fast die gleiche Zahl an Jahren absolvierten sie bei ihm das gleiche Programm: 100 m, 200 m, 4 x 100 m. Sie waren schon bei den Juniorinnen international erfolgreich. Sie schafften beide die WM-Teilnahme 1997 in Athen, rannten zu einer Staffelmedaille bei den Europameisterschaften 1998 in Budapest und erfüllten sich im Vorjahr den gemeinsamen Traum vom Start bei den Olympischen Spielen in Sydney.

Doch in Australien 2000 war die Trennung sportlich bereits vollzogen. Birgit war es nach mehr als zehn Jahren leid, immer die gleichen Wettkämpfe wie ihre Zwillingsschwester zu bestreiten und wechselte auf die lange Sprintstrecke, die 400 m. Der Trainer hatte dies befürwortet. Weil er im Lauf der Jahre, in denen mal die eine und mal die andere die Nase vorn hatte, eine interessante Feststellung gemacht hatte: "Wenn sie gegeneinander gelaufen sind, wollte die eine der anderen nicht wehtun. Beide waren in ihren Leistungen fast immer besser, wenn die Schwester nicht im Wettkampf dabei war." Rücksichtnahme als Leistungsbremse statt zusätzlicher Motivation durch besonderen Ehrgeiz - das kennt man von Geschwistern meist völlig anders.

Vor allem bei Gabriele Rockmeier hat sich das sportliche Auseinanderleben auf geradezu wundersame Weise ausgezahlt: Sie wurde in dieser Saison Deutsche Meisterin über 100 m, 200 m und mit der 4 x 100-m-Staffel der LG Dortmund und war damit die erfolgreichste Teilnehmerin der Titelkämpfe. Und sie schaffte mit 11,17 und 22,68 Sekunden den Anschluss an die Weltspitze. Im Gegensatz zu ihrer Schwester ist sie auch über die Einzelstrecken für die Weltmeisterschaften qualifiziert. Birgit verpasste die Qualifikation über 400 m, lief über 200 m aber mit 22,90 Sekunden persönliche Bestzeit und gehört nun wenigstens noch, wie ihre Schwester, zur 4 x 100-m-Staffel.

"Birgit ist nicht frustriert", sagt Gabriele. Ein bisschen enttäuscht schon, "aber sie freut sich für mich". Noch mehr freut sich natürlich die neue Nummer eins der deutschen Sprinterinnen. Ein Jahrzehnt lang lief sie anderen hinterher: Katrin Krabbe, Grit Breuer, Andrea Philipp, Ester Möller, Sina Schielke. Nun, mit 27, ist sie Deutschlands Vorläuferin auf den kürzesten Strecken. Ist sie damit am Ziel heimlicher Wünsche? "Nein", sagt sie, "ich habe es nie als Mangel empfunden, bisher nicht Einzelmeisterin geworden zu sein. Für mich waren immer die Zeiten wichtiger." Einmal unter 11,30 laufen oder unter 23 Sekunden - "davon habe ich geträumt". Weil sie das nun erreicht habe, "wäre ich auch glücklich gewesen, wenn ich nicht Deutsche Meisterin geworden wäre".

Trainer Löser hat nach Sydney eine vorher kaum erlebte Lockerheit bei seinem Schützling beobachtet, "weil sie mit Birgit die gemeinsamen Ziele EM, WM und Olympia erreicht hat. Nun läuft sie ohne Druck und nur noch für sich. Das bekommt ihr gut". Das behauptet Gabriele auch von einer anderen Entscheidung, die sie für sich getroffen hat: Nach Sydney verabschiedete sie sich aus der Sportförderkompanie der Bundeswehr, die ihr und Birgit seit 1994 die Freiräume für professionelles Training geboten hat, und heuerte beim Arbeitsamt an. Als Halbtagskraft, 20 Stunden die Woche. Das habe sich "gut für den Kopf ausgewirkt". Die Athletin beklagt weder, dass sie keinen persönlichen Sponsor hat, noch die Aussicht, sich in Edmonton gegen möglicherweise nicht ganz medikamentenfreie Konkurrenz behaupten zu müssen. Die pauschalen Dopingverdächtigungen "schaden nur der Leichtathletik". Entmutigt habe sie die Situation mit Dopingspekulationen auch im Sprint nie, "ich habe mich mehr auf meine Leistung konzentriert". Wozu die bei der WM ausreicht, darüber mag sie gleichfalls nicht spekulieren: "Wir hatten bei den Meisterschaften optimale Bedingungen. Wenn ich bei der WM in die Nähe meiner Bestzeiten komme, bin ich zufrieden." Ob sie sich mit 27 und Zeiten wie nie als "Spätstarterin" betrachtet? Da lächelt sie. "Man merkt gar nicht, wie man älter wird. Ich fühle mich jedenfalls nicht wie 27." Das lässt hoffen.

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