Leichtathletik-WM : Sie nahmen jede Hürde

Wer sind schon all die Stars wie Usain Bolt? Ohne die 3000 Volunteers hätte die WM nicht stattfinden können Sie halfen Touristen, VIPs und leisteten Erste Hilfe. Und das kostenlos. Zum Dank wurden sie am Sonntagabend in Treptow gefeiert.

Patricia Hecht[Eva Kalwa],Friedhard Teuffel

Der Publikumsstrom in Richtung Olympiastadion riss gar nicht mehr ab. Doch kurz bevor es in den vergangenen WM-Tagen ins Stadion ging, waren in der unübersichtlichen Menge auf dem Vorplatz einige Menschen in kanariengelben T-Shirts zu sehen, die immer wieder im Gespräch mit den Zuschauern waren.

„Wir sollten auffallen“, sagt Anne de la Camp, die eines dieser markanten T-Shirts trug – die Menschen in Gelb arbeiteten als „Volunteers“ im Besucherservice, also als freiwillige Helfer. Und Gelb war nur eine Farbe unter vielen: Insgesamt 3000 Freiwillige waren bei der Leichtathletik-WM in Berlin im Einsatz, als Erkennungsmerkmal farblich aufeinander abgestimmt. Ohne sie alle wäre diese Weltmeisterschaft gar nicht möglich gewesen: Die Volunteers arbeiteten in 16 Bereichen. Die in den dunkelblauen Shirts waren Fahrer der WM-Autoflotte, die in grünen Hemden halfen bei den Medizinern aus. Die Roten waren für die VIPs beim Protokoll zuständig. Und wer ein hellblaues Shirt trug, war für die Reporter und Kameramänner zuständig.

Am Sonntagabend fand nun für die WM-Volunteers eine große Abschlussparty statt, als Dankeschön für die kostenlose Arbeit. Die Helfer waren mit allen Athleten und Kampfrichtern sowie Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Sport in die Arena in Treptow geladen. Die Konzerthalle am Ufer der Spree wurde aus diesem Anlass in den WM-Farben Blau-Grün dekoriert. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hatte ebenfalls sein Kommen angekündigt, um eine Rede zum erfolgreichen Ende der Weltmeisterschaften in Berlin zu halten. Schon am Nachmittag hatte Clemens Prokop, der geschäftsführende Präsident des WM-Organisationskomitees, die Freiwilligen in seinem Fazit gelobt: „Noch nie haben Volunteers bei einer Weltmeisterschaft ein so positives Bild abgegeben wie diesmal.“ Und auch Lamine Diack, Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbands, staunte: „Die Volunteers waren immer freundlich und kompetent.“ Das Badeschiff war den insgesamt 4000 Gästen aus Sicherheitsgründen zwar nicht zugänglich, dafür lud aber der Floß- und Strandbereich zur Party im Freien ein, zu der mehrere DJs die Musik lieferten. Getanzt werden sollte bis in die Nacht.

Mehr als eine harte WM-Woche liegt nun hinter den Volunteers, viele hatten für die Wettkämpfe extra Urlaub genommen. Anne de la Camp etwa, die Frau in dem kanariengelben Shirt, ist eigentlich Sportökonomie und war für die WM aus Bayreuth angereist. „Ich bin total sportbegeistert“, sagt die 23-Jährige. „Es ist ein wahnsinnig tolles Gefühl, hier dabei zu sein.“ Für die WM hatte sie sich zwei Wochen ihrer Semesterferien frei gehalten. Und obwohl die Arbeit unentgeltlich war, hat sie sich gelohnt. Alle Helfer erhielten Essensmarken, durften sich im Olympiabad kostenlos erfrischen und konnten von einem eigens für sie reservierten Block am Marathontor die Wettkämpfe im Olympiastadion sehen – sofern sie denn Zeit hatten.

Denn der Job als Freiwilliger war nicht nur Spaß. Von sieben bis 15 Uhr etwa dauerte die tägliche WM-Schicht von Clemens Lange, eigentlich Briefzusteller aus Rudow. Der Mann in Blau, der sich Sonderurlaub für die WM nahm, fuhr die Mitarbeiter und Sportler von ihren Hotels ins Stadion. „Von Berufs wegen bin ich Radfahrer“, sagt der 32-Jährige – während der WM jedoch saß er die ganze Zeit im Auto. Mit dem ehemaligen Trainer der Weitspringerin Heike Drechsler hat er einen Plausch gehalten, einen niederländischen Diskuswerfer in den Aufwärmbereich gebracht. „Ein bisschen Sightseeing habe ich auch mitgeliefert“, sagt der Mann mit den kurzen Haaren, „auf Englisch natürlich.“

Nach Kriterien wie Fremdsprachen oder Ortskenntnis wurden die Helfer – die Jüngste 18, der Älteste 82 Jahre alt – auch ausgewählt. Die Fäden liefen bei Chefkoordinator Kai Apelt zusammen, der mehr als zwei Jahre am reibungslosen Ablauf arbeitete. „Zum Teil ging es ganz schön chaotisch zu“, sagt der 32-Jährige und lacht entspannt: Er war schon bei der Fußball-WM 2006 Koordinator. „Zwei Drittel der Helfer kamen aus Berlin und Brandenburg“, sagt er, „einige auch aus Neuseeland oder Japan.“

Einen der aufregendsten Jobs hatte wohl der freiwillige Helfer Klaus Scholz, eigentlich Leiter der Leichtathletik-Abteilung beim VfV Spandau. Zusammen mit 25 jungen Athleten seines Vereins betreute er die Sportler im Aufwärmbereich und begleitete sie direkt vor den Wettkämpfen durch einen Tunnel ins Stadion. „Durch unsere Hände sind alle Athleten gegangen“, sagt Scholz stolz. Vor den Wettkämpfen seien die Sportler angespannt gewesen, danach habe es Tränen oder Freudentänze gegeben, die Scholz und seine Leute hautnah miterlebten. Auch Usain Bolt hat er nach seinem 100Meter-Weltrekord gesehen: „Der war natürlich so richtig gut drauf“, sagt Scholz.

Die WM ist nun offiziell beendet, doch die Freiwilligen werden noch beim Abbau dabei sein. Und was bleibt? „Eine Menge toller Erinnerungen“, sagt Anne de la Camp. Vor dem Silber-Kugelstoß von Nadine Klein etwa sei der Platz vor dem Stadion wie leergefegt gewesen. De la Camp rannte rein und konnte den Stoß gerade noch sehen: „Diese Stimmung“, sagt sie, „war unglaublich.“

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