Sport : Leichtathletik-WM: Test positiv, Sperre negativ

Robert Hartmann

Der neue russische Langstreckenstar Olga Jegorowa war nach einer Urinprobe, die beim Golden-League-Meeting in Paris am 6. Juli genommen wurde, mit dem Blutdopingmittel Erythropoietin (Epo) aufgefallen. Aber 29 Tage später hob der Weltdachverband (IAAF) die daraufhin einsetzende obligatorische Zweijahressperre durch seinen Vizepräsidenten und Vorsitzenden der Medizinischen Kommission, Arne Ljungqvist, wieder auf. Die Jahresweltbeste über 3000 m darf jetzt bei der Weltmeisterschaft in Edmonton zum 5000-m-Vorlauf antreten.

Ljungqvist begründete die Entscheidung damit, dass die IAAF sonst womöglich in juristische Kalamitäten geraten wäre. Denn das Labor in Paris habe unwissenschaftlich gearbeitet. "Ich war darüber sehr überrascht." Außerdem habe es der Meldepflicht gegenüber der IAAF nicht genügt. Stattdessen habe er, Ljunqvist, den brisanten Fall, den ersten mit Epo in der Leichtathletik, erst durch die Zeitung erfahren.

Einzig gültig sei, erläuterte der Schwede, ein kombinierter Blut- und Urintest. Darauf fuße das "Sydneyer Protokoll". Sydney deshalb, weil es bei den Spielen 2000 zum ersten Mal angewendet worden war. In Paris aber sei von Jegorowa nur Urin genommen worden. Übrigens auf Veranlassung einer französischen staatlichen Stelle. "Das hat das Pariser Labor uns nicht mitgeteilt", sagte Helmut Digel, der neue Vizepräsident der IAAF. "Insofern kann man der IAAF keinen Vorwurf machen, sondern nur dem Labor."

Und doch wirkte die Art, wie die IAAF den Fall Jegorowa handhabte, dilettantisch. Zuerst hieß es, eine B-Probe sei ins Lausanner IOC-Labor geschickt worden. Das Resultat der Untersuchung läge am Donnerstag vor, somit schon in der vorigen Woche. Dann hieß es, bei der Behandlung der B-Probe habe es technische Probleme gegeben. Schließlich mündete die merkwürdige Geschichte in die Feststellung Ljungqvists, nun werde die B-Probe überhaupt nicht mehr analysiert. Der Vorsitzende der Medizinischen Komission machte seine Mitteilungen am Samstag um 15:30 Uhr im Rahmen einer Pressekonferenz des russischen Verbandes. Am Ende wurde Frau Jegorowa auf das Podium geholt. Ihre enorme Leistungssteigerung um vierzig Sekunden über 5000 m binnen nur eines Jahres erklärte sie damit, "dass ich im Winter ohne Verletzungen durchtrainieren konnte. Das ist mir früher nie gelungen." Natürlich habe sie "nie Epo genommen", und die nicht wegzuleugnende Tatsache, dass die verbotene Substanz doch in ihrem Körper gefunden wurde, beantwortete die Russin mit einem kurzen Satz: "Das muss ein Fehler gewesen sein."

Olympiasiegerin Gabriela Szabo aus Rumänien und die Cross-Weltmeisterin Paula Radcliffe hatten angekündigt, im Falle eines Freispruchs über den Verzicht auf einen WM-Start nachzudenken. Digel reagierte auf diese Ankündigung pikiert. "Wenn diese Athleten an einen Boykott denken, dann ist das nicht ein Kampf gegen Doping", sagte der IAAF-Vizepräsident. "Ich kann erst anklagen, wenn eine Schuld bewiesen ist. Die B-Probe hatte technische Mängel, also kann Jegorowa nicht suspendiert werden. Es gilt die Unschuldsvermutung."

Sein Kollege Ljungqvist auf die Frage, ob die IAAF sich mit den beiden einmal in Verbindung setzen sollte: "Das wäre eine gute Idee." Er teilte noch mit, dass schon kurz nach der Ankunft in Edmonton bei 15 Athleten kombinierte Urin/Blut-Kontrollen ausgeführt wurden. Unter ihnen hätte sich auch Jegorowa befunden. Wenn sie also wirklich mit Epo gedopt war, könnte ihr noch ein Spießrutenlaufen bevorstehen. Denn schon eins bis zwei Wochen nach dem Absetzen der Epo-Spritzen lässt die Leistung dramatisch nach.

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