Sport : Leichtathletik-WM: Überraschend selbstbewusst - und erfolgreich

Robert Hartmann

Marion Wagner starrte immer wieder zur Anzeigentafel. Aber es war so, die Zahlen flimmerten dort über den Schirm, sie veränderten sich auch nicht. Deutschland war Vize-Weltmeister, stand dort. Die 4 x 100-m-Staffel der deutschen Sprinterinnen hatte Silber gewonnen. Es war keine Einbildung, es war kein Traum, es war Wirklichkeit, und Marion Wagner war jetzt Vize-Weltmeisterin. Der ZDF-Moderator Norbert König hatte es früher realisiert als Wagner, er stand neben der Mainzerin, er nannte sie "Miss Zielgerade", er strahlte, aber dieses Silber drang nicht so intensiv in seine Seele wie in die von Wagner. Sie brauchte länger, um zu begreifen.

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Aber irgendwann hatte sie begriffen, irgendwann löste sich dieser gebannte Blick, und dann freute sie sich wie ein kleines Kind. Genau gesagt: Vier kleine Kinder mit Gesichtern von Erwachsenen freuten sich, Melanie Paschke, Gabi und Birgit Rockmeier und Wagner, die vier Frauen, die Silber gewonnen hatten in 42,32 Sekunden hinter den USA (41,71). Eine Überraschung, eine faustdicke Überraschung.

Kaum jemand hatte damit gerechnet - trotz eines vermeintlich kühnen Spruchs. Diesen Spruch: "Zuerst kommen die USA, dann kommen wir", hatten die vier Frauen vor dem Start gesagt, und natürlich hatten alle den Kopf geschüttelt. Sicher, die Staffel des Olympiasiegers Bahamas war ausgefallen, damit fiel ein starkes Quartett weg, aber da waren noch die starken Französinnen und die Russinnen oder Jamaika. Alles ernst zu nehmende Gegner.

Die Deutschen hatten den Satz ja auch nicht wirklich geglaubt. Es war mehr ein Spruch. Er war zwar nicht einfach so dahergesagt, aber sie standen auch nicht wirklich hinter diesem Ausspruch. Sie wollten einfach nur mal zeigen, dass sie nicht automatisch den Kopf einziehen. "Wenn wir Deutsche mal Selbstbewusstsein haben, wird es gleich hinterfragt. Wenn die Amerikanerinnen so etwas sagen, ist es in Ordnung. Wir wollten keinen Blumentopf gewinnen, wir wollten eine Medaille", sagte Melanie Paschke später. Klar wollten sie die, aber sie dachten nicht ernsthaft an Silber.

Die Aufstellung der Deutschen lautete: Paschke, Gabi Rockmeier, Birgit Rockmeier, Marion Wagner. Über 100 m eine Woche zuvor hatte es die Deutsche Meisterin Gabi Rockmeier mit Platz sieben im ersten Halbfinale in 11,48 Sekunden noch am weitesten gebracht. Das Quartett hatte auch keine unbestrittene Anführerin. Die vier Namen der Deutschen erzeugten in der kleinen Sprinterinnen-Welt keine Ehrfurcht. Aber es war schon bei ihrer Abreise nach Edmonton klar gewesen, dass im Idealfall Bronze herausspringen könne. Aber nur im Idealfall.

Es wurde Silber, und das Selbstbewusstsein tauchte erst kurz nach dem Vorlauf auf. Die Deutschen hatten ihren Lauf in 42,92 Sekunden gewonnen. Die Sprinterinnen schauten die Wechsel sofort im ZDF an, und angeblich riefen sie dabei: "Entweder Hop oder Top!" Sie hatten bemerkt, dass sie beim Wechsel noch Zeitreserven hatten. Denn die jeweils ankommende Sprinterin war zu früh auf ihre Kollegin aufgelaufen.

Im Finale rannten die Rockmeier-Zwillinge und Marion Wagner Bruchteile von Sekunden früher ab als zuvor, und zwei Wechsel gestalteten sich wunderbar. Der dritte war dann noch in Ordnung. Das machte den ganzen Unterschied aus, sechs Zehntelsekunden. Oder sechs Meter. "Es ist so toll", sagt Melanie Paschke, die vor 18 Monaten ein Mädchen zur Welt gebracht hatte. "Ich weiß es zu schätzen, wenn man eine Auszeit gehabt hat und wieder zurückkehrt. Wir hatten noch nie ein Team, das so ehrgeizig war. Wir haben uns die Silbermedaille erarbeitet, sie ist kein Zufall." Natürlich ist sie kein Zufall. Sie zeigt, was Sportler erreichen können, wenn sie den Mut haben, an sich zu glauben. Auch wenn das nur mit heftig klopfendem Herzen möglich ist.

Das Staffelrennen dauerte zu kurz, um ernsthafte Zweifel aufkommen zu lassen. Das war der Vorteil der vier Frauen. Marion Wagner sagte später: "Ich kam ins Ziel und fragte mich: Wo waren jetzt die anderen? Das kann ja nicht wahr sein." Und Gabi Rockmeier verkündete: "Ich habe immer auf die Anzeigetafel schauen müssen." USA, dann Germany. Es war wirklich kein Traum.

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