Leichtathletik-WM : Usain Bolt: Der Schrittweise

„So muss Laufen aussehen“, sagt ein Fachmann, „so läuft ein Strauß“ – und sonst nur noch Usain Bolt, der schnellste Mensch der Welt. Er gibt der Leichtathletik das Leichte zurück, und er gibt Anlass für Fragen. Wieder zu sehen und zu hören am Wochenende im Berliner Olympiastadion.

Friedhard Teuffel
Usain Bolt
Usain Bolt -Foto:AFP

Einen roten Drehstuhl haben sie ihm hingestellt, und warum sollte Usain Bolt auf ihm ruhig sitzen, wo es doch gerade um schnelle Bewegungen geht, vor allem um seine eigenen. Er dreht sich also hin und her, während er über seine Ambitionen spricht für die Weltmeisterschaften hier in Berlin, seine Antworten sind manchmal so kurz, dass sie in einem Schwung von links nach rechts Platz haben. „Ich bin bereit“, lautet eine, „ich kann es kaum erwarten“, eine andere.

Weil Bolt einer ist, der es gerne besonders kurz macht, sind 150 Journalisten aus der ganzen Welt in den Yaam-Club gekommen, einen Steinwurf vom Ostbahnhof entfernt, oder eher einen Sprint. So wenig Zeit wie Bolt hat noch kein Mensch für 100 Meter gebraucht, 9,69 Sekunden, fast 44 Stundenkilometer Spitzengeschwindigkeit. Während seine Herausforderer in Hotelsälen über ihre Ziele sprechen, hat Bolts Ausrüster Puma den 22 Jahre alten Jamaikaner in einen Club eingeladen mit Halfpipe, Basketballfeld, Tischtennisplatte, mit viel Graffiti an den Wänden, drinnen riecht es nach einer durchgetanzten Nacht. Es ist Bolts letzter Auftritt außerhalb des Olympiastadions, bevor es losgeht mit seinem ersten Wettbewerb, 100 Meter, der größte Knaller der Leichtathletik, Vorläufe an diesem Samstag, Finale am Sonntag.

Ob es einen Kampf mit seinem amerikanischen Gegner Tyson Gay geben wird, fragt eine Journalistin mit französischem Akzent. „Es wird groß werden, aber kein Kampf“, sagt Bolt in gelbem Polohemd und schwarzer, ausgewaschener Jeans. Er lächelt und schüttelt seinen Kopf, ein bisschen amüsiert und ein bisschen genervt. Da hat jemand wohl immer noch nicht verstanden, worum es ihm geht, um den Spaß und ums Gewinnen.

Er löst einen Widerspruch auf

Seitdem Usain Bolt sich bei den Olympischen Spielen in Peking drei Goldmedaillen erlaufen hat und dabei drei Weltrekorde aufstellte, ist er zur Hauptfigur einer ganzen Sportart geworden, einer mit scheinbar ewiger Tradition. All die Jugendlichkeit, die der Leichtathletik fehlt, soll er ihr nun geben mit seinen Auftritten. Wie dem in Peking im vergangenen Jahr. Mit ein bisschen Pantomime vor dem Start. Mit einem Hochgeschwindigkeitsrennen, das er sogar schon einige Meter vor dem Ziel abbremste. Mit einem Tänzchen nach dem Sieg – nach einem Lauf, bei dem ihm auch noch ein Schnürsenkel aufgegangen war. Und mit einem Schlagwort wie „Lightning-Bolt“, Blitzschlag, das aus seinem Mund in Peking gerade noch zu verstehen war, weil er bei der Pressekonferenz einen Schokoriegel kaute.

Hauptsache, die Jugendlichen verstehen ihn, für die er jetzt zum Vorbild geworden ist und deren Slang er spricht. „Can’t wait.“ – „I’m ready.“ – „Just be myself.“ Bolt kam jedenfalls wie gerufen für die Leichtathletik, weil er einen Widerspruch auflöste, den zwischen hartem Training und Coolness. „Relaxed“ ist eines der Lieblingswörter Bolts, das andere ist „focused“.

Bis kurz vor dem Start noch Zeit zu haben für ein paar Faxen, das ist ein Markenzeichen von ihm geworden. Er kämmt sich dann mit den Händen die Haare, obwohl die so kurz sind, dass er ihnen gar keine Richtung geben kann. Diese Späße mache er für sich, nicht um die Gegner zu beeindrucken, wie es mancher Konkurrent macht im testosteronsatten Sprint. „Wenn der Starter sagt ,on your marks’, dann konzentriere ich mich ganz auf das Rennen.“ Nervosität vor dem Start? „Warum sollte ich die haben? Ich habe das doch schon hundert Mal gemacht.“ Selbstbewusstsein sei wichtig, sagt er, „aber ich bin nicht zu selbstbewusst.“

In Peking hätte man seinen Auftritt auch für überheblich halten können, sein Bremsmanöver vor dem Zielstrich, seine ausgebreiteten Arme, sein suchender Blick nach den Verfolgern. Selbst der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees Jacques Rogge wünschte sich von Bolt mehr Respekt für seine Gegner. Bolt fühlte sich missverstanden. „Das war doch nur ich.“

Ein bisschen Muttersöhnchen

Vor dem Clubraum steht Wellesley Bolt, Usains Vater, und kaut an einem Hähnchenspieß. Ein jugendlich wirkender Mann, in seiner Heimat betreibt er einen kleinen Lebensmittelladen, aber inzwischen könnte er es fast als Beruf angeben, Vater des schnellsten Manns der Erde zu sein. „Weil ich ihn so erzogen habe“, antwortet er auf die Frage, warum Usain Bolt so entspannt wirke und dennoch so diszipliniert. „Die Eltern in Jamaika erziehen ihre Kinder sehr streng, das müssen Sie wissen“, erzählt er, „ich war kürzlich in den USA, und ich war erstaunt, wie ungezogen die Kinder dort sind.“

Die USA sind für ihn nicht das Traumziel, für seinen Sohn sind sie es auch nicht. Usain Bolt hat sich dafür entschieden, in Jamaika zu bleiben, kein Stipendium anzunehmen für ein amerikanisches College. Viele Athleten vor ihm haben Jamaika verlassen, Richtung USA, Kanada, Großbritannien. Einige davon sind sogar Olympiasieger geworden, Donovan Bailey, Linford Christie und zumindest für einige Stunden Ben Johnson. Bolt bleibt zu Hause. Auch deshalb ist er ein Held in seinem Land.

Als er 15 war, hat er einen Mentor an der Highschool zur Seite bekommen, Norman Peart, 13 Jahre älter als Bolt. Auch er ist mit nach Berlin gekommen. Seine Haare hat er sich raspelkurz rasiert, über seiner Schulter hängt eine schwarze Lederjacke. „Die liegt bei mir zu Hause sonst nur rum, hier werde ich sie wohl brauchen“, sagt er und schaut zum Himmel.

Im Laufe der Jahre ist Peart wie ein großer Bruder für Bolt geworden. „Ich habe am Anfang noch aufgepasst, dass er seine Hausaufgaben macht, auch wenn er müde vom Sport war.“ Er hat mit ihm auch besprochen, nicht in die USA zu gehen, weil er dort zu vielen Terminen und Ansprüchen ausgesetzt wäre, und außerdem auch ein bisschen Muttersöhnchen sei. Inzwischen ist Peart eine Art Geschäftsberater geworden, er hat den Vertrag mit Bolts Ausrüster eingefädelt, jetzt überlegt er gerade, wie die Vermarktung des neuen Superstars weitergehen soll. „Er hat keine Zeit, um für jeden interessierten Sponsor fünf Termine auf der ganzen Welt wahrzunehmen“, sagt Peart. Sie warteten eben, bis das richtige Angebot kommt.

Immer in Bewegung. Auch beim Essen

Sorgen macht sich der große Bruder kaum um seinen Schützling. „Er ist sehr vernünftig“, sagt Peart. Bolt habe bereits erfahren, wie es sich anfühle, unten zu sein. Bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen rauschten noch die anderen an ihm vorbei, er schied auf seiner Spezialstrecke, 200 Meter, im Vorlauf aus. Ein Jahr später bei den Weltmeisterschaften in Helsinki konnte er das Finale nur zu Ende humpeln. „Er hat seine eigenen Erfahrungen gemacht“, sagt Peart. Ein anderer Grund für sein Vertrauen sind Bolts Eltern. „Sie sind einfache Leute, aber sie haben ihm die richtigen Werte vermittelt.“

Bolts Vater kann von einem Jungen erzählen, der beim Essen nicht still sitzen konnte, der immer in Bewegung war. Bis er seiner ganzen Energie eine Richtung geben konnte, auf der Laufbahn. Unruhig gewesen zu sein, das hat Usain Bolt übrigens gemeinsam mit dem anderen Goldmedaillensammler der Spiele von Peking, dem Schwimmer Michael Phelps. Und es ist ein Grund dafür, warum Usain Bolt läuft wie er läuft. Anders als die anderen.

Seine Technik haben schon viele analysiert, auch Frank Lehmann hat sie sich angeschaut. Er arbeitet am Institut für Angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig, ein Dienstleister des deutschen Spitzensports sozusagen. In der Unruhe liegt eine Kraft für Bolt. „Weil er so zappelig war, konnte sich früh keine falsche Technik verfestigen“, sagt Lehmann.

Lehmann war früher selbst Läufer, 200 Meter als Spezialstrecke, die läuft auch Bolt noch lieber als die 100. Und deshalb schaut Lehmann Bolt nicht nur als Wissenschaftler zu. „So muss Laufen aussehen“, sagt er, „so läuft ein Strauß in Südafrika.“

Mehr Wasser im Glas

Bolt rumpelt nicht vor lauter Muskeln wie ein Bulldozer über die Bahn wie die Sprintergenerationen vor ihm, sondern läuft geschmeidig und leichtfüßig, wie auf Schienen. Größer als seine Konkurrenten ist er, 1 Meter 93. Für Lehmann hat er die perfekte Technik: „Es ist schon auf den ersten Blick zu sehen, dass Bolt sehr aufrecht läuft.“ Weil er sein Bein bei jedem Schritt fast gestreckt – ohne Beugung im Knie – auf den Boden setzt. Um es dann, nach dem Anheben, nach hinten ausschwingen zu lassen, wieder nach vorne zu ziehen und nun – das ist das Entscheidende – nicht vor seinem Körper wie seine Gegner, sondern direkt darunter aufzusetzen.

Eine runde Bewegung, die nur aus der Hüfte zu kommen scheint. So bremst Bolt weniger ab. Wenn alle also mit festgebundenen Wassergläsern auf den Schultern losrennen würden, hätte Bolt im Ziel mehr im Glas als die anderen.

Lernen lässt sich das kaum, Lehmann spricht auch von neuronalen Mechanismen in der Muskulatur, davon, dass sich Bolts Muskeln eben besonders schnell anspannen und entspannen. „Er muss sehr viel schnelle Fasern haben.“ Natürliches Laufen, das sieht Lehmann bei Bolt, und dass der Jamaikaner tatsächlich mit dem Laufen selbst angefangen habe und nicht mit dem Start. „Unsere Schüler lernen erst den Start und dann das Laufen“, sagt Lehmann. Ein Grund sei das für den bestehenden Rückstand.

Kann Talent alles erklären?

Viele Pluspunkte kann Lehmann an Bolts Laufstil finden, aber er weiß nicht, ob es genug sind. „Die zeitliche Entwicklung der Rekorde ist biomechanisch kaum zu erklären“, sagt Lehmann. Also nur biochemisch? „Es ist die Frage, ob dieses Talent tatsächlich ausreicht, um 9,69 Sekunden zu laufen.“

Selbst für Wissenschaftler ist es längst eine Glaubensfrage geworden, ob ein Mensch überhaupt ohne Hilfe der Pharmaindustrie solche Leistungen bringen kann. Ein jamaikanischer Nationaltrainer hat noch in Peking verkündet, Bolt nehme nicht einmal Nahrungsergänzungsmittel, ein Kollege von ihm rief mehrmals fast wie bei einem religiösen Bekenntnis, Bolts Talent sei gottgegeben. Und selbst Stephen Francis, Trainer von Bolts jamaikanischem Konkurrenten Asafa Powell, sagte: „Es kommen eben Menschen, die eine Ausnahme sind. Sie haben Einstein, Isaac Newton, Beethoven – und Usain Bolt.“

Das hat auch der Sprinter selbst schon verinnerlicht. Er hat sich ein großes Ziel gesteckt, ein ganz großes, das mit Medaillen und Titeln und Sponsoreneinnahmen nicht mehr zu beziffern ist. „Ich will eine Legende werden.“ In eine Liga aufsteigen, in der nicht mehr nach Sportarten unterschieden wird, sondern die Aura den Ausschlag gibt. In die Liga, in der sich schon Sportler wie der Golfer Tiger Woods aufhalten.

Eine Reggae-Night wie Bob Marley

Da ist eine Weltmeisterschaft im Berliner Olympiastadion nur eine Durchgangsstation, sie könnte ihm jedoch helfen, mit einer anderen Sportlegende in Verbindung gebracht zu werden, mit Jesse Owens, der bei den Olympischen Spielen 1936 vier Goldmedaillen gewann.

Bolt als der neue Owens? Das sind zwei verschiedene Kulturen, Bolt ist Unterhaltungskünstler, er präsentiert nach seinen Siegen verschiedene Tänze, einer heißt Gully Creepa, da werden seine eben noch so angespannten Muskeln auf einmal weich wie Gummi.

Seine Reggae-Night von Peking könnte er einfach wiederholen im Olympiastadion von Berlin, nur ein paar hundert Meter entfernt von der Waldbühne. Der hatte – nach jahrelangem Tiefschlaf – Bob Marley einst zum Durchbruch verholfen mit seinem Konzert 1980, es war eines seiner letzten.

Aber erst einmal muss Usain Bolt seine 100 Meter laufen und Weltmeister werden.

Sein Ausrüster hat ihm dafür im Yaam-Club noch symbolisch ein paar neue Schuhe geschenkt, orangefarben und so leuchtend, dass sie auch bis hinauf zum letzten Klappsitz im Oberring zu sehen sein werden. Es soll eine Weiterentwicklung sein, noch leichter, noch besser, noch schneller. Auf ein nützliches Detail haben sie allerdings verzichtet: einen Klettverschluss.

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