Sport : Leichtathletik: Zeig mir, wo du stehst

Jörg Wenig

Ausgerechnet als der Europacup vor vier Jahren das letzte Mal in Deutschland stattfand, verloren die Männer des Gastgebers ihre Vormachtstellung. Dreimal in Folge hatten die Athleten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) den Pokal gewonnen. Doch im Münchner Olympiastadion hieß der Sieger 1997 Großbritannien, und in den nächsten drei Jahren lagen die Deutschen nur einmal, 1999 in Paris, vor den Briten.

Das Duell mit Großbritannien, in das sich vielleicht auch die Franzosen einmischen können, dürfte auch morgen und am Sonntag im Bremer Weserstadion die Spannung anheizen. Allerdings spricht fast ebenso viel für einen Sieg der Briten wie für den fünften russischen Sieg in Folge bei den Frauen.

Zwar ist der Europacup ein Mannschaftswettbewerb, aber er hat zumindest für die deutschen Athleten auch eine große individuelle Bedeutung. Denn wer am Wochenende in Bremen Platz eins oder zwei belegt, der hat sehr gute Karten im Kampf um die Startplätze bei den Weltmeisterschaften Anfang August in Edmonton (siehe grauen Kasten). Und da die deutsche Leichtathletik insgesamt einen flauen Saisonstart hatte, hinken noch einige Leistungsträger hinterher.

Prominentestes Beispiel der Normlosen ist Heike Drechsler, die für den ABC Ludwigshafen startet. Der Weitsprung-Olympiasiegerin fehlt mit 6,74 m genau noch ein Zentimeter auf dem Weg nach Edmonton. Mit 6,75 m und mindestens Platz zwei wäre sie in Bremen auf der sicheren Seite - obwohl allerdings kaum vorstellbar ist, dass der Welt-Leichtathletik-Verband IAAF in Edmonton auf eine Heike Drechsler verzichten würde. Die IAAF hat in den technischen Wettbewerben die Normen hochgeschraubt, um die Starterfelder zu verkleinern. Die Olympiasiegerin hat allerdings Glück gehabt, dass sie überhaupt in Bremen starten darf. Denn nominiert war eigentlich Inga Leiwesmeier, die bis vor wenigen Tagen mit 6,65 m in der deutschen Jahresbestenliste noch zwölf Zentimeter vor Heike Drechsler lag.

Hürdensprinter Florian Schwarthoff vom OSC Berlin und Hochspringer Martin Buß, ebenfalls Berliner, jedoch im Trikot von Bayer Leverkusen, sind weitere prominente Athleten ohne Norm. Buß kämpfte lange Zeit mehr mit seiner Schlappheit - er war an Pfeifferschem Drüsenfieber erkrankt - als mit der WM-Norm von 2,30 m. Schwarthoff fehlen über 110 m Hürden noch acht Hundertstelsekunden zur WM-Norm von 13,45 Sekunden.

Dass ausgerechnet im Hürdensprint, der noch im Olympiajahr zu den deutschen Paradedisziplinen zählte, zurzeit nichts läuft, schmerzt den DLV-Generalsekretär Frank Hensel besonders. Doch der frühere Hürden-Bundestrainer will diese Situation nicht kommentieren.

Die generelle Lage der deutschen Leichtathletik sieht der frühere Berliner Frank Hensel nicht ganz so schwarz, wie sie oft dargestellt wird. "Natürlich können wir bisher nicht zufrieden sein, aber die Weltmeisterschaft ist erst in sechs Wochen. Erst nach den Deutschen Meisterschaften in Stuttgart in einer Woche wissen wir, wo wir stehen. Bisher haben wir 51 Normerfüllungen - und das ist nicht ganz schlecht", sagt Frank Hensel, der zu Recht auch auf die internationale Lage verweist. Denn die deutsche Situation hat eine weltweite Parallele: Das internationale Spitzenniveau entwickelt sich in dieser Saison ähnlich langsam. Vielleicht ist das immer noch eine Spätfolge der späten Olympischen Spiele, die alle Kräfte der Athleten aufgebraucht haben.

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