Sport : Leichtathletik: Zu wenig für einen schönen Sommer

Robert Hartmann

Lauter Spottgedichte: Die deutschen Leichtathletik-Funktionäre besuchten eine Schönheitsfarm, um die tiefen Sorgenfalten zu glätten. Und der über dem Dortmunder Stadion "Rote Erde" kreisende Zeppelin habe beim Verbands-Sportfest am vorigen Samstag für den einzig wirklich interessanten Höhenflug gesorgt.

Es war Galgen-Humor, den die Fachzeitschrift "Leichtathletik" in ihrer jüngsten Ausgabe über den Ist-Zustand der olympischen Kernsportart hierzulande verbreitete. Die prompte Bestätigung vom DLV aus Darmstadt stellte die Redaktion auf die gleiche Seite in einen kleinen Kasten: "Das Team für Bremen", für den Europapokal in schon zehn Tagen im Bremer Weserstadion. In fünf von 39 Wettbewerben der Frauen und Männer hofft man noch auf zurzeit Verletzte oder Kranke beziehungsweise die Ratlosigkeit ist mangels Klasse so groß, dass die Teilnehmer noch nicht benannt werden konnten. Bei den Männern betrifft es die Wettbewerbe 400 m Hürden, 3000 m Hindernis und Dreisprung, bei den Frauen die 100 m Hürden und das Speerwerfen.

Die Zeiten tauchen in der Erinnerung nur noch wie ein böser lächerlicher Spuk auf, da sich auch im Europapokal der Kalte Krieg auf dem Sportplatz zuspitzte und der allein schon daraus seine große Attraktion schöpfte. Danach legten besonders die vereinten Deutschen deshalb einen besonderen Wert auf ein gutes Abschneiden, weil sie in der Summe aller Einzelleistungen gut über dem europäischen Durchschnitt lagen. Im Zuge der wohl unvermeidlichen Inflation dürfen sie inzwischen einmal im Jahr mit einem wohlwollenden Beifall rechnen - in der nun sprachlich ungeheuer aufgemotzten "Europacup-Superliga". Zuletzt in Gateshead sprangen zweite Plätze heraus.

Neu ist, dass für einen nur noch zehn Tage entfernten Saisonhöhepunkt die Mannschaftsaufstellung nicht die selbstverständlichste Sache der Welt ist. Die Entwicklung zeichnete sich schon seit einiger Zeit ab, und mit dem negativen Trend ging ein zweiter einher: das gleichmütig gewordene Interesse der Öffentlichkeit. Um die Leichtathletik ranken sich kaum noch Leidenschaften. Wunderbar, wenn sie Olympiasieger heraus bringt, sie werden dann sogar noch Sportler des Jahres wie Heike Drechsler und Nils Schumann. Dass die Ausbeute in Sydney mit fünf Medaillen die schlechteste überhaupt wurde, war nur ein interner Kritikpunkt. Aber es war tatsächlich enttäuschend, dass die alte Bundesrepublik mit der Hammerwerferin Kirsten Münchow gerade eine Bronzemedaille feiern konnte, weniger als je zuvor seit der Währungsreform 1948. Die Funktionäre behalfen sich, indem sie aus den Platzierungen der Ränge 1 bis 8 noch einen dritten Platz heraus rechneten.

Das unverzichtbare Erfolgskriterium im Fernsehen und bei den Sponsoren aber ist die "visibility", die Sichtbarkeit der Sportler im internationalen Konzert, und hieran mangelt es immer mehr. In Deutschland gehen die Identitätsfiguren aus, und neue kommen kaum nach, in zehn Jahren waren es nur Schumann und der Zehnkämpfer Frank Busemann - zu wenig für einen schönen Sommer. In Dortmund erhielt der 34 Jahre alte Diskuswerfer Lars Riedel den freundlichsten Beifall der 8000 Zuschauer. Schumann und Drechsler, auch sie mit jetzt 36 Jahren, gibt es ja, sie waren nur krank und verletzt, und auch der Dreisprung-Weltmeister Charles Frideck sollte wieder auf die Beine kommen. Nur ist es bedenklich, dass in ihren eigenen Disziplinen und in zu vielen anderen schon der Ausfall des Anführers dahinter nichts als ein schwarzes Loch offen legt.

Bei den Weltmeisterschaften in Edmonton Anfang August würde das Glück schon sehr freundlich mit den Augen zwinkern, gewänne die deutsche Leichtathletik die fünf olympischen Medaillen von Sydney noch einmal. Den Verantwortlichen muss vor der Zukunft bange sein.

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