Sport : Leichtsinniger Verfolger

Leverkusen wird nach dem 3:3 in Karlsruhe von einer alten Diskussion eingeholt

Oliver Trust[Karlsruhe]

Irgendwann spürte wohl auch Rudi Völler, dass er ebenso wie die anderen Leverkusener Führungskräfte nun wirklich genug Verständnis gezeigt hatte. Es wirkte schon seltsam, wie nachsichtig sie bei Bayer auf diese 3:3-Niederlage reagierten. Nach 24 Minuten hatten die Leverkusener 3:0 beim Karlsruher SC geführt, nach 90 fühlten sie sich wie der Verlierer, während der KSC das Unentschieden wie einen Sieg feierte. „Der Bruno wird sich das noch mal genau anschauen und mit der Mannschaft besprechen“, sagte Völler und schrieb in aller Ruhe Autogramme. Als gehe es gerade jetzt um eine ausgewogene Erziehungshilfe für die junge Leverkusener Mannschaft und ihren Trainer Bruno Labbadia, streute Völler aber auch Kritisches in seine Analyse ein. „Wir wollten den Gegner vorführen“, sagte er. Es war ein höflicher Hinweis auf einen Anfall von Selbstgefälligkeit.

Die kleine Schwäche der Bayer-Mannschaft ist ja nicht neu. Am ersten Spieltag gab sie ein gutes Spiel gegen Borussia Dortmund mit 2:3 aus der Hand. Dem 5:2-Erfolg im Duell mit der TSG Hoffenheim folgte eine 2:3-Niederlage in Hamburg. Auch beim HSV war Bayer Leverkusen bestimmende Mannschaft, gerade so wie diesmal im Wildparkstadion, als man sich nach einer halben Stunde fragte, welche unglaublichen Kunststücke Bayer als nächsten Höhepunkt im Unterhaltungsprogramm präsentieren würde.

Richtig wütend war Bayers Sportdirektor Völler trotzdem nicht. Er hatte zwar Simon Rolfes nicht gehört, es gingen ihm aber offenbar ähnliche Gedanken durch den Kopf wie Leverkusens Mittelfeldstrategen. „Vier Zu-null-Siege und ein Unentschieden, wir stehen zu Recht da oben", sagte Rolfes. „Wir sind etwas gefrustet, nach einem 3:0 darf es keine Zweifel mehr geben. Ich hab’ schon im Spiel mal gedacht, na, wenn wir da keine Probleme kriegen.“ Und Stürmer Patrick Helmes, der Bayer schon nach 32 Sekunden in Führung geschossen hatte, behauptete, man spüre keinen Druck oder Zwang. Wenn sich bei den Leverkusenern jemand ärgerte, hat er es zumindest gut versteckt.

Aber es gibt eben auch diesen zweifelhaften Ruf des ewigen Zweiten, der nie wirklich gewinnen kann und nie Erster wird, weil ihm kurz vor dem Ziel die Angst in die Glieder fährt. Trainer Bruno Labbadia wird jetzt wieder gegen diesen Ruf ankämpfen müssen. „Wir haben das Sieger-Gen“, sagte Patrick Helmes, der in der ersten Halbzeit von Karlsruhe ein sehr gutes Spiel abgeliefert hatte.

In der jungen Bayer-Mannschaft stehen nun mal kaum Spieler, die Erfahrung haben oder als besonders abgezockt gelten. Trotzdem weist die Statistik Leverkusen als Mannschaft aus, die, was die Gegentore angeht, gut dasteht. Nur die defensiven Kölner haben wie Bayer nach zwölf Spielen erst 14 Gegentreffer kassiert. Besser ist nur der FC Schalke 04.

„Es ist ärgerlich“, sagte Rudi Völler, „aber man muss einer jungen Mannschaft ein solches Spiel auch mal zugestehen.“

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