Sport : Leiden in der Anonymität

Warum Lothar Matthäus Ungarn verlassen will

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Zielsicher nimmt der Bus mit der Aufschrift „VIPShuttle A-Team Ungarn“ die finale Kurve, von der Fritz-Walter-Straße rauf auf den Parkplatz am Stadion. Wenigstens auf der Fahrt von Bad Dürkheim nach Kaiserslautern zum Abschlusstraining vor dem heutigen Länderspiel gegen Deutschland (19 Uhr /live in der ARD) geht für die Ungarn und ihren Trainer Lothar Matthäus alles glatt.

Tags zuvor war Matthäus noch außer sich vor Wut gewesen, als der ortsunkundige Busfahrer vom Trainingsplatz in Mutterstadt bis ins Hotel-Quartier von Bad Dürkheim die falsche Autobahn gefahren und eine halbe Stunde Umweg produziert hatte. „Die Ungarn geben sich zwar viel Mühe“, klagt Matthäus, „doch es geht auch unheimlich viel schief.“ Mitunter mutet es sogar peinlich an: Vor dem finanziell lukrativen Gastspiel in China und der historisch bedeutsamen Begegnung in Deutschland haben 22 Spieler abgesagt, im Gros aus fadenscheinigen Gründen.

„Früher haben wir der Welt gezeigt, wie Fußball geht“, sagt Verbandspräsident Imre Bozoky. „Heute brauchen wir Hilfe.“ Deshalb haben sie ja Lothar Matthäus als Teamchef nach Budapest geholt, vertraglich gebunden bis zum 31. Dezember des kommenden Jahres. Doch der Erfolgs- und Machtmensch Matthäus dürstet wieder nach mehr Professionalität, Popularität und Publicity. Das alles könnte Besiktas Istanbul bieten und dazu noch 1,5 Millionen Euro Jahresgage. Der Kontakt ist da, Interesse auch. Matthäus sagt: „Dass ich mir so ein Angebot anhöre, gehört zum Tagesgeschäft.“ Zudem merkt der 43-Jährige im ungarischen Alltag, bei Ligaspielen vor 5000 Zuschauern oder Trainingseinheiten auf deutschem Boden beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit: Das Arbeiten in der Anonymität ist seine Sache nicht. Also ab nach Istanbul?

Das sorgt die Ungarn. „Wenn er geht“, sagt Teammanager Janos Hrutka, einst Profi in der Pfalz, „dann bricht im ungarischen Fußball wieder alles zusammen.“ Denn Lothar Matthäus ist ihr Macher und Mentor. Wenn er ruft „die Bälle auf die andere Seite!“, schießt Hrutka sie beim Training persönlich mit seinen Turnschuhen quer über den Rasen. Als nach Trainingsende der begabte Jungstar Zoltan Gera noch aufs Tor bolzen will, verfügt Matthäus streng: „I say, it’s finished.“ Gera gehorcht. „Ungarisch ist schwierig“, gibt Matthäus zu, „aber die meisten verstehen Deutsch und Englisch.“ Deshalb spricht er im Training ulkiges Kauderwelsch. Einmal ruft er „not possible“, dann „Spannung in den Fuß bringen!“ Die jungen Ungarn scheinen ihn nicht alle zu verstehen. Der Eindruck verstärkt sich, dass auch diese Trainer-Station ein Missverständnis ist. In kurzer Abfolge Teamchef in Wien und Belgrad, seit Jahresbeginn in Ungarn, nun bald wohl Istanbul: Da sucht einer noch nach seinem rechten Platz in der aktuellen Fußball-Welt.

Deshalb ist Matthäus auch vor dem heutigen Spiel in seiner Heimat ein bisschen bange, zuvorderst wäre er mit einer hohen Niederlage blamiert. Matthäus baut schon mal vor. „Wir können nur lernen“, sagt er, „Deutschland gehört zu den Besten der Welt.“ Für die Vertrauten von Rudi Völler sei, glaubt Matthäus, „das Halbfinale drin, und dann kann man auch Europameister werden.“ Gegen so einen renommierten Gegner habe Ungarn 50 Jahre nach der WM-Niederlage in Bern keine Chance mehr. Matthäus sagt: „Das ist so, wie wenn derzeit in der Formel 1 ein Ferrari gegen einen Mercedes fährt.“

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