Sport : Leiden ohne Lust

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Von Stefan Hermanns

und Michael Rosentritt

Berlin. Wenn gar nichts mehr geht, hilft nur noch Calli. Als Bayer Leverkusens Pokalfeier im Hotel Esplanade um halb drei in der Nacht als trübe Veranstaltung zu Ende zu gehen droht, spielt die Drei-Mann-Band „Sexbomb“ von Tom Jones. Das Lied zieht eigentlich immer, aber Winnie, der Sänger, der sich kurz zuvor passenderweise als Anhänger von Borussia Dortmund zu erkennen gegeben hat, nötigt zur Sicherheit auch noch Reiner Calmund, Bayers Manager, zum Gang auf die Tanzfläche. Calmund tanzt, und tatsächlich dauert es keine halbe Minute, bis er nicht mehr alleine ist. Wenn der König sich amüsiert, darf auch das Volk nicht länger traurig sein.

Ganz so einfach ist das natürlich nicht in dieser Nacht, die mit einer 2:4-Niederlage im DFB-Pokalfinale gegen Schalke 04 begonnen hat. Doch Reiner Calmund hat allgemeine Heiterkeit verordnet: „Leck mich in de Täsch. Wir lassen es noch mal richtig krachen. Und ich erwarte von allen: Lasst die Sau raus! Gebt Gas! Dann hast du vielleicht morgen Kopfschmerzen, aber die Rübe frei.“

Für die Spieler von Bayer ist zurzeit vermutlich alles besser, als sich wieder und wieder mit den schweren Gedanken im Kopf zu plagen. Sie müssen sich vorkommen wie ein Pokerspieler, der vier Könige auf der Hand hat, die ersten beiden siegesgewiss auf den Tisch legt, woraufhin sein Gegenspieler mit zwei Assen antwortet. Er deckt den dritten König auf – und es kommt das dritte Ass. Zwei Titel hat Bayer schon verspielt, und jetzt bleibt ihnen am Mittwoch im Finale der Champions League nur noch eine Chance. Vermutlich wird Real Madrid dann das nächste Ass zücken. „Wir sind keine Traumtänzer“, sagt Calmund, und auch Trainer Klaus Toppmöller gibt zu: „Wir fahren nicht mit stolz geschwellter Brust nach Glasgow und sagen: Wir wollen Real in Schutt und Asche legen.“ Aber für Bayers Torhüter Hans-Jörg Butt ist gerade das „die Herausforderung, aus dieser schwierigen Situation etwas Positives zu ziehen“.

Nach den Erfahrungen des späten Samstagabends ist das nur schwer vorstellbar. Auch bei den leidgeprüften Leverkusenern gibt es offensichtlich eine Schmerzgrenze. In Bayers Kurve verbrannten die Fans ihre rot-schwarzen Sitzkissen. Das Pokalfinale war gerade abgepfiffen, als Ulf Kirsten vom Rasen des Schreckens in die Kabine flüchtete. Die beiden Brasilianer Lucio und Zé Roberto folgten ihm mit geringem Sicherheitsabstand. „Das ist eine bodenlose Unverschämtheit“, sagte Trainer Toppmöller. Ein Offizieller des DFB wurde sogar in Bayers Kabine vorstellig, um die drei Abtrünnigen zur Teilnahme an der Siegerehrung zu bewegen. Vergeblich. Später tadelte zunächst Toppmöller Kirsten, Zé Roberto und Lucio mit harten Worten für ihr Verhalten, eine halbe Stunde danach äußerte auch Calmund seine Verärgerung, so laut wie noch nie in dieser Saison. „Das Verlieren gehört dazu“, sagte Toppmöller. Das Problem ist nur, dass inzwischen manche den Eindruck haben, dass das Verlieren bei Bayer Leverkusen inoffizielles Vereinsziel ist.

Statt Titeln und Pokalen bekommt die Mannschaft Mitleid, und vermutlich können es die Spieler schon lange nicht mehr hören, dass sie in dieser Saison den schönsten Fußball geboten haben. Reiner Calmund behauptete sogar, Bayer habe sich in die Herzen von Deutschland und der ganzen Welt gespielt. Am Mittwoch beim Finale der Champions League würden eine Milliarde Menschen zugucken, „wo bestimmt 80 Prozent für uns sind“. 800 Millionen Menschen stehen hinter Bayer Leverkusen. Vielleicht tröstet das. Doch ein wenig wirkt es inzwischen so, als wollten die Verantwortlichen des Klubs den Misserfolg einfach wegreden. „Es würden viele mit uns tauschen wollen, um im Finale der Champions League zu stehen“, sagte Torhüter Hans-Jörg Butt. Aber „es ist unglaublich brutal, wenn du Zweiter wirst. Schlimmer, als wenn du Dritter oder Vierter bist.“

Während der Siegerehrung standen Toppmöller, Calmund, Bayers Pressesprecher Dost und die beiden Teambetreuer Lehnhoff und Valentin am Strafraumeck – fünf Männer in grauen Anzügen – und beobachteten den Jubel der Schalker. Es muss die Faszination des Schreckens für sie gewesen sein. Die Mitarbeiter des Stadionfernsehens schnitten die fahlen Gesichter der Leverkusener zwischen den Überschwang der Sieger. „Ich war richtig down“, sagte Calmund. Aber der Mann, der Bayer 04 ist, kann sich dauerhafte Niedergeschlagenheit nicht leisten. Mit seinem Gewicht würde er den ganzen Klub in die Tiefe reißen. „Ich glaube einfach, dass es möglich sein muss, noch einmal die ganze mentale Kraft zu mobilisieren“, sagte Calmund. Er hat es ja auch wieder geschafft.

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