Sport : Leidende Pferde

Eine Studie belegt: Das Aufrollen beim Dressurreiten hat gesundheitliche Folgen

Jeannette Krauth

Berlin - Die Worte sind eindeutig: Wird ein Pferd „aufgerollt“ geritten, hat das für seine Gesundheit extreme Folgen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die der internationale Dachverband der Reiter FEI anlässlich der Diskussion um Trainingsmethoden in der Dressur in Auftrag gegeben hat. Aufrollen nennt man es, wenn ein Pferd so eng geritten wird, dass sein Maul fast die Brust berührt.

Die Studie erarbeiteten Heinz Meyer, Soziologe und Psychologe, Michael Düe, Leiter der Tierschutzabteilung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), und Alex Atock, Sekretär der Tierschutzkomission der FEI. Sie bilden eine von der FEI einberufene Arbeitsgruppe, die klären soll, inwieweit Trainingsmethoden wie die „Rollkur“ veterinärmedizinisch bedenklich sind. Bisher verhielt sich die FN vorsichtig und bezeichnete das Aufrollen eines Pferdes nur als „Irrlehre“.

Die Debatte um Trainingsmethoden hatte ein Artikel einer Fachzeitschrift entfacht, der im Juli zu den Europameisterschaften der Dressurreiter in Hagen erschienen war. Dabei standen die niederländische Dressurreiterin Anky van Grunsven und ihr Team in der Kritik. Das Aufrollen des Halses, wie sie es phasenweise praktiziert, verursache Schmerzen bis hin zu Wirbelentzündungen, hieß es. Van Grunsven kündigte an, nicht mehr in Deutschland reiten zu wollen, doch schon beim CHIO Aachen war sie wieder dabei. Die Nationaltrainer der USA, Klaus Balkenhol, und Deutschlands, Holger Schmezer, verlangten dagegen nach genauen Richtlinien. Denn van Grunsven ist kein Einzelfall. Auch die Schüler Uwe Schulten-Baumers, darunter Isabell Werth und Nicole Uphoff, reiten ihre Pferde – wenn auch weniger extrem als die Niederländer – in kurzen Abschnitten aufgerollt.

Heinz Meyer, seit Jahrzehnten Beobachter des Reitsports, schrieb schon 1992 kritisch über die damals erfolgreiche Uphoff. Heute kommt er für die FEI zu dem Ergebnis, dass bisher zwar keine Schäden nachweisbar sind, wohl aber Zeichen für Schmerz und Unwohlsein des Pferdes: „Ein verkürzter Schritt, Taktfehler und das Einklemmen des Schweifes sind Zeichen für Ängste und Leiden in Anfangsstadien.“ Schließlich „ist der Schweif nichts, was hinten am Pferd dranhängt, sondern ein Teil der Wirbelsäule.“

Außerdem gilt das Einrollen des Halses als rigorose Form der Unterordnung. Diese Maßnahme erklärt sich Meyer mit der „Aufgedrehtheit der Pferde, die nötig ist, um ein publikumswirksames Bild im Viereck zu erhalten“. Das sei der Preis für schnelle Wechsel der Lektionen mit enormer Ausstrahlung. Anky van Grunsvens Salinero etwa habe beim CHIO nicht stillgestanden, als er sollte. „Ist ein Pferd so aufgedreht, ist das mit Unwohlsein verbunden“, sagt Meyer. Der Trend gehe seit Jahren dahin, dass Turniersport zur Show wird. Den Grundstein zum Wechsel legte Uphoffs Rembrandt in den Achtzigerjahren: Mit großen Bewegungen und Ausdruck ließ er die Pferde-Altstars mit ihren stetigen Ritten hinter sich. Grundsätzlich geht es Meyer um die Frage, „ob man die Ausbildung an der Natur des Pferdes orientiert oder am Wettbewerb“.

Unklar ist noch, wie die FEI den Rat nun umsetzt. Es könnte eine Wende im Turniersport geben, die mehr auf harmonische Paare und weniger auf spektakuläre Aktionen setzt. Im Januar wird die Arbeitsgruppe um Düe mit der FEI sowie Richtern und Trainern tagen. „Falls die FEI nicht reagiert, können wir uns als Deutsche Reiterliche Vereinigung vorstellen, eigene Wege zu beschreiten“, sagt Düe.

Sjef Janssen, Ehemann und Trainer der Olympiasiegerin Anky van Grunsven, sieht dem Treffen positiv entgegen: „Ich weiß, dass wir da gut rauskommen.“ Außerdem soll eine Studie der Universität Utrecht klären, ab wann Trainingsmethoden zu Schäden führen. Ergebnisse würden erst Anfang 2006 erwartet, aber „es gibt Anzeichen, dass Pferde, die nach unserer Methode geritten werden, gesündere Rücken haben“, sagt Janssen.

„Die Diskussion finde ich hochgeschaukelt“, sagt Hanno Dohn, internationaler Spring- und Vielseitigkeitsrichter. „Die Gefahr liegt in der Kopie der Methode“, sagt Dohn und zieht einen Vergleich zuAlwin Schockemöhle in den Sechzigerjahren. Der sprang mit Schlaufzügeln. Diese führen vom Bauchgurt durch den Gebissring zur Reiterhand, und können so eine enorme Hebelkraft entwickeln. „Schockemöhle wusste damit umzugehen, über dem Sprung gab er reichlich Zügel nach“, sagt Dohn. „Der Nachahmereffekt in unteren Klassen aber war eine Katastrophe.“ Diese Entwicklung führte schließlich zum Verbot des Aufzäumens.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben