Sport : Leidenschaften und Pflichten (Glosse)

miro

99 Jahre und elf Monate sind im 20. Jahrhundert vergangen, und Berlin darf einer Fußballmannschaft neuen Respekt zollen. Hertha BSC hat sich nach sechs Spielen im Wettbewerb der besten europäischen Mannschaften für höhere Aufgaben empfohlen. Das darf gefeiert werden. Zumal es andere deutsche Mannschaften nicht geschafft haben, die bessere Voraussetzungen hatten. Siehe Dortmund, siehe Leverkusen.

Viele Wege führen in die Zwischenrunde der Champions League. Hertha hat einen gefunden, der mit einer Niederlage endete und doch eine glänzende Zukunft verheißt. Vor dreieinhalb Jahren stand der Verein am Abgrund zur Drittklassigkeit, jetzt ist er zur Jahrhundertwende in Europa angekommen. Gut 20 Jahre nach der letzten europäischen Bewährung hat sich eine neue Generation leidenschaftlich auf die Champions League eingelassen. Und dabei bestanden.

Wer in Mailand, London und Istanbul spielt, denkt nicht so gerne an Unterhaching. Das gerät zum Nachteil in der Bundesliga. Trainer, Mannschaft und Manager konnten noch so sehr die Bedeutung des Alltags herausstreichen, bewältigt haben sie das Umschalten von "Wahnsinn" auf Wirklichkeit noch nicht. Beim Streben nach Höherem fehlt in Berlin noch wettbewerbsübergreifende Konstanz. Das darf zwar im Moment der Freude ein wenig in den Hintergrund rücken, und doch verhält es sich damit nicht anders als in einer ganz normalen Ehe. Höhepunkte in fremden Betten zu feiern, ist noch keinem gut bekommen. Schon gar nicht, wenn hausinterne Angelegenheiten versäumt werden. Das ist wiederum keine Frage von Leidenschaft, sondern eine Frage des Charakters.

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