Sport : Leif Carlsson: Verkauftes Herz

Claus Vetter

Wenn Leif Carlsson an die Eisbären denkt, dann nicht ohne Nostalgie. "Dort sind die besten Fans, die ich je erlebt habe", sagt der Schwede, "meine vier Jahre in Berlin habe ich in bester Erinnerung." Und das, obwohl er nach der Vorsaison dem großen Kehraus beim EHC zum Opfer fiel. Sehr zur Freude der Revier Löwen übrigens, denn die Oberhausener rangieren auch dank ihres - nach Skorerpunkten bisher erfolgreichsten - Verteidigers in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) fünf Plätze vor den Eisbären.

Heute gastiert Carlsson mit seiner neuen Mannschaft beim Tabellenletzten aus Berlin (Beginn 19.30, Sportforum Hohenschönhausen). Ein Wiedersehen mit gemischten Gefühlen. Nicht Schadenfreude, sondern Mitgefühl überwiege, sagt der 35-Jährige. "Ich kann die Lage dort nachempfinden. Die Spieler lechzen nun verzweifelt nach einem Erfolg. Ich glaube aber nicht, dass es gegen uns reichen wird." Seinen Optimismus meint der Schwede mit Beobachtungen zur Entwicklung an seinem alten Arbeitsplatz begründen zu können: "Man hat das Herz des Vereins verkauft. Es muss schwer sein, vernünftig zu arbeiten, wenn Entscheidungen in Amerika gefällt werden."

Herzlos vielleicht, aber nicht mittellos: Es ist unstrittig, dass die Berliner unter dem Eigner Anschutz solider wirtschaften können als manch ein Konkurrent. An der momentanen sportlichen Misere ändert das freilich wenig, da ist Carlssons Analyse nachvollziehbar. "Es ist doch schwer für die Spieler, mit dem Druck klarzukommen, wenn sich im Umfeld nichts ändert", sagt der Schwede. "Der Klub darf in so einer Situation nicht inaktiv sein." Nur wenn von außen ein Impuls käme, sei beim EHC in dieser Saison noch etwas zu bewegen. "Da müsste man vielleicht mal beim Trainer anfangen."

Daran wird beim EHC nicht gedacht, Glen Williamson darf trotz prekärer Lage weiter Regie führen und Weisheiten aus der Mottenkiste hervorkramen. Auf den "Kampfgeist" seines Teams käme es nun an, glaubt der Coach. Marc Fortier - heute nach langer Pause wieder mit von der Partie - hat da eine differenzierte Sicht. Zuletzt habe man viele fruchtbare Gespräche geführt, erzählt der Kapitän. "Natürlich kann in Zeiten des Misserfolges die Stimmung nicht hundertprozentig in Ordnung sein", sagt Fortier, "aber noch ist Zeit, auf dem Eis zu reagieren."

Einfach wird das heute nicht, zumal sich das langjährige Kellerkind Oberhausen in dieser Saison zu einem Play-off-Aspiranten gemausert hat. Carlsson glaubt, die Gründe dafür zu kennen: "Wir spielen technisch und taktisch auf einem guten Niveau." Vor allem, weil man den europäischen Stil bevorzuge. Als einziges DEL-Team kommen die Revier Löwen ohne Nordamerikaner aus.

Trotz des Erfolges in Oberhausen denke er oft an seine Jahre im Sportforum, sagt Carlsson. "Bei den Eisbären-Fans möchte ich mich noch Mal für alles bedanken." Die jetzigen Spieler beim EHC mag diese Aussage nicht nur erfreuen, denn derzeit kommen nicht alle mit dem Druck von Seiten der Anhänger klar. Nur einer profitiert von der Talfahrt: Alexander Jung, der nach seinem guten Auftritt gegen München auch heute anstelle von Klaus Merk im Tor stehen wird.

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