• Leipzig und die Metropolen Istanbul Havanna London Paris New York Madrid Rio de Janeiro Moskau

Sport : Leipzig und die Metropolen Istanbul Havanna London Paris New York Madrid Rio de Janeiro Moskau

Der deutsche Olympiabewerber hofft im Rennen mit den Weltstädten zu bestehen – Paris gilt schon jetzt als Favorit, gefolgt von London und New York Die ewige Bewerbung Olympia als Kreuzfahrt Eine Chefin aus Amerika Der bescheidene Favorit Volle Deckung vor Mister Bush Eine Chance für Baulöwen Einmal Spiele in Südamerika Die Stadt der Olympiasieger

Thomas Seibert

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Schon seit Jahren bewirbt sich Istanbul ebenso hartnäckig wie erfolglos um die Olympischen Spiele. Die letzte Bewerbung wurde vor drei Jahren abgeschmettert. Damals erklärte ein Inspektionsteam des Internationalen Olympischen Komitees die türkische Bewerbung unter anderem wegen der damals ausgebrochenen Wirtschaftskrise für chancenlos.

Im Jahr 2001 hatte das IOC die Türken ohnehin nur aus Mitgefühl in die Endausscheidung für die Spiele 2008 aufgenommen, weil Istanbul zuvor schon zwei Mal vorzeitig gescheitert war. Dennoch haben die Organisatoren im Nationalen Olympischen Komitee den Mut nicht sinken lassen. Sie behaupten einfach, die Ausdauer der Stadt beweise, wie ernst es ihr mit dem Wunsch nach Ausrichtung der Spiele sei.

Tatsächlich machen die Türken bei Olympia keine halben Sachen: Statt jeden Anlauf neu zu organisieren, hat das türkische Parlament per Gesetz ein ständiges Vorbereitungskomitee eingesetzt, das laufend an der Bewerbung für die jeweils nächsten Spiele arbeitet – bis es endlich einmal klappt. Der langjährige Komitee-Vorsitzende Sinan Erdem starb allerdings im vergangenen Sommer im Alter von 76 Jahren, ohne sein Lebensziel erreicht zu haben.

Die Hartnäckigkeit, mit der sich die Türken bewerben, bedeutet aber nicht, dass die Istanbuler in einem chronischen Olympia-Fieber auf die jetzt anstehende Entscheidung des IOC warten. Wenige Tage vor Bekanntgabe der offiziellen Olympiakandidaten spricht in der Türkei jeder über die Endphase im Kampf um die nationale Fußball-Meisterschaft – aber keiner über die Olympischen Spiele 2012.

London wird 2012 gerüstet sein, wenn die Spiele beginnen. Bauverzögerungen wie in Athen wird es nicht geben. „Diese Lektion haben wir gelernt", sagt Londons Bewerbungschefin Barbara Cassani. „Wir haben schon alle Planungsanträge gestellt, obwohl wir noch gar nicht gewählt wurden.“ Selbstbewusst wurde die Londoner Olympiabewerbung im Royal Opera House öffentlich gestartet. „London hat wunderbare Sportstätten und Schauplätze, die für Athleten und Zuschauer unvergessliche Erinnerungen schaffen werden. Das ist unsere Geheimwaffe“, sagt Cassani und schwärmt von Beach Volleyball auf der Horse Guards Parade, Triathlon im Hyde Park und Reiten im Greenwich Park.

Aber nun, kurz vor der ersten Entscheidung, wächst doch die Nervosität. Nicht vor einem vorzeitigen Scheitern, sondern vor explodierenden Kosten. Die Planer fragen sich: Wird die neue Stadtbahnverbindung durchs Londoner Zentrum rechtzeitig genehmigt? Und die Bürger: Können wir uns Olympia leisten?

Die größten Diskussionen aber gibt es um Frau Cassani selbst. Vor einigen Tagen entschuldigte sich die Zeitung „Daily Telegraph“ bei ihr wegen „unwahrer Behauptungen“. Sie habe Premierminister Tony Blair als „nicht besonders hell“ bezeichnet, hatte das Blatt berichtet. Die Schelte kam umgehend. Es sei ein taktischer Fehler gewesen, die Managerin aus Boston für den Job zu nehmen, meinten viele, denn ihr fehle Feingefühl. Außerdem seien Amerikaner beim IOC ohnehin unbeliebt. Matthias Thibaut

Unerschütterliche Gelassenheit übersetzt das Russische mit „olympischer Ruhe“. Genau diesen Zustand strahlt Moskaus Vize-Bürgermeister Walerij Schanzew aus, der gleichzeitig Chef des Bewerbungskomitees ist. Die Entscheidung für Moskau soll aus seiner Sicht den Demokratisierungsprozess weiter vorantreiben und Russlands Ansehen in der internationalen Gemeinschaft fördern. Er sei vom Sieg Moskaus überzeugt, die Stadt könne „beeindruckende Fortschritte“ vorweisen.

Für Moskau spricht aus Sicht der Oraganisatoren, dass 2012 die bereits vorhandene Infrastruktur genutzt werden kann, 80 Prozent aller erforderlichen Sportstätten seien vorhanden. Allerdings sind diese bereits für die Spiele 1980 gebaut worden und nun sanierungsbedürftig. Erschwerend kommt die unsichere Sicherheitslage in Russland hinzu.

Geplant sind fünf Austragungsorte für die einzelnen Wettkämpfe. Sie alle verbindet der Moskau-Fluss. Die meisten Wettkämpfe sollen im Luschniki-Sportkomplex und dem angrenzenden Park ausgetragen werden. Die Hauptarena fasst mehr als 80 000 Zuschauer. Das Olympische Dorf soll zehn Autominuten entfernt entstehen.

Moskau, so der Leiter der olympischen Projektgruppe in Moskau, IOC-Vizepräsident Witalij Smirnow, habe reiche Erfahrung mit der Ausrichtung von Sportereignissen der Weltklasse. Auch leben in der Stadt etwa 500 Olympiasieger. Mehr als 100 von ihnen wollen als olympische Sonderbotschafter für Moskaus Kandidatur werben. Elke Windisch

Noch bevor in Athen das olympische Feuer entzündet wird, hat Kuba bereits seine eigenen Olympischen Spiele veranstaltet. Vom 18. bis 30. April gingen in verschiedenen Städten der Karibikinsel die zweiten „Olympischen Spiele des kubanischen Sports“ über die Bühne. 3900 Teilnehmer aus 33 Ländern kämpften in 422 Wettbewerben um Medaillen. Schon vor diesem Ereignis verkündeten staatliche Funktionäre: Dieser Großanlass werde beweisen, dass Kuba auch die großen Spiele veranstalten kann. Nach offiziellen Angaben unterstützen rund 90 Prozent der Bewohner Havannas die Olympiakandidatur.

Ob Havanna die für Olympia nötigen Anforderungen bewältigen kann, bleibt allerdings fraglich. Nach wie vor sind keine Details zur Finanzierung der Spiele bekannt geworden. Eine Lösung wurde bisher nur für das Problem der Unterbringung präsentiert: Der Mangel an Hotelbetten soll mit Kreuzfahrtschiffen kompensiert werden, die während der Spiele 2012 vor der Küste Havannas vor Anker gehen. Martin Jordan

Die Party Ende März hatte eine bemerkenswerte Zusammensetzung. Bürgermeister Michael Bloomberg, Gouverneur George Pataki und New York Jets-Besitzer Woody Johnson sind normalerweise nicht einfach in einen Raum zu bekommen – zusammen mit offiziellen Vertretern der Behörden, Hotels und Gewerkschaften schon gar nicht. Doch an diesem Tag gaben sich alle friedlich im Javits Convention Center zu New York und verkündeten eines der größten Infrastrukturprojekte der Stadt. 2,8 Milliarden Dollar wird das Stadion kosten, das in Midtown Manhattan unweit des Kongresszentrums entstehen soll. Eine Arena für den Football Club New York Jets – und das Herzstück der Olympiabewerbung.

Wenige hätten viel darauf gewettet, dass Vize-Bürgermeister Daniel Doctoroff mit diesem Plan weit kommt. Doch bis zur Vergabe der Spiele im nächsten Jahr soll der erste Spatenstich für das Stadion vollzogen sein. An der Qualifikation der weltstädtischsten aller Weltstädte für die Endrunde zweifelt kaum jemand. Doch auf der Bewerbung lastet eine Bürde: Das globale Ansehen der USA ist seit den Abenteuern der Kriegsherren in Washington rapide gesunken. Zwar wird im Herbst ein neuer Präsident gewählt, doch selbst John Kerry würde das verlorene Vertrauen nur langsam wieder herstellen können. Bewerbungssprecher Lazaro Benitez sagt dazu tapfer: „In einem Jahr kann sich die Welt erheblich wandeln.“ Matthias B. Krause

In den Medien und öffentlichen Diskussionen in Frankreich entsteht zurzeit der Eindruck, die Pariser Bewerbung um die Olympischen Spiele 2012 interessiere niemanden. Selbst wenige Tage vor der ersten Vorauswahl findet man keine Zeile in der französischen Presse. Außerhalb des Landes gilt Paris allerdings wegen seines kompakten Konzepts und seiner freundlichen Bewerbung als Favorit. Dieser Tatsache scheint sich Bürgermeister Bertrand Delanoe bewusst zu sein, wenn er in Interviews verrät: „Dieses Mal, ich bin sicher, haben wir uns Olympia wirklich verdient.“ Frankreichs Metropole, die die Spiele bereits 1900 und 1924 ausrichtete, war bei den Bewerbungen für 1992 und 2008 gescheitert.

Bescheidenheit ist deshalb ein Schlüsselwort für den neuen Versuch, was sich auch an den Vorbereitungen ablesen lässt. Das Bewerbungskomitee verfügt mit 24 Millionen Euro über ein deutlich geringeres Budget als die Bewerbung für die Spiele 2008. Auch Paris muss sparen – ein Grund dafür, warum kein völlig neues Konzept entwickelt wurde, sondern eine „verfeinerte“ Bewerbung auf der Grundlage der letzten.

Bislang ist Paris damit innenpolitisch kaum aufgefallen. Noch fehlt vielen Franzosen der Esprit. Immerhin, die Internetseite der Bewerbung zieren euphorische Äußerungen von Prominenten wie des Fußballstars Zinedine Zidane und der Modepäpste Kenzo und Jean-Paul Gauthier. Sabine Heimgärtner

Eigentlich sehe man nur noch die Kandidatur von Paris als echte Konkurrenz an, hat Rio de Janeiros Bürgermeister Cesar Maia im Mai erklärt. Es war eine makabre Anspielung auf die Terror-Ängste in den meisten der rivalisierenden Städte. Drastisch beschrieb Maia die Bedenken bei den anderen wichtigen Konkurrenten. „Denken Sie doch nur an die Nachricht über die Entwicklung von Chemie-Waffen in England. Wie könnte man so was stoppen?“, fragte er. „Über New York brauche ich ja gar nicht erst zu reden.“

Dass aber auch bei Rios Bewerbung schwer wiegende Sicherheitsbedenken bestehen, können die Verantwortlichen kaum leugnen. Brasiliens Vorzeigestadt hat eine der höchsten Mordraten der Welt. Die starke Verschmutzung von Gewässern ist ein weiteres Manko.

Ein großer Vorteil Rios ist, dass die Olympischen Spiele noch nie in Südamerika stattgefunden haben, was auch der Vizepräsident des IOC, Thomas Bach, bei einem Besuch in Brasilien im vergangenen Jahr hervorhob. Positiv dazu kommt die Begeisterung der Bevölkerung für Feste, aber auch für den Sport, die Erfahrung mit internationalen Großveranstaltungen wie dem alljährlichen Karneval und der Zuschlag für die Ausrichtung der Panamerikanischen Spiele 2007. Bernd Radowitz

Als jüngst die neue spanische Regierung ihre Amtsgeschäfte aufnahm, gab der für den Sport zuständige Staatssekretär bekannt, die Olympia-Kandidatur von Madrid werde zu den Schwerpunkten seiner Tätigkeit zählen. Außerdem verkündete er, was die Bewerbung der spanischen Hauptstadt den Konkurrenten voraus habe: Die Spiele sollen zum Höhepunkt einer offensiv geführten Anti-Doping- Kampagne Spaniens werden.

Das war ein taktisch kluger Zug, nicht nur wegen der zuletzt publik gewordenen Doping-Praktiken bei einigen spanischen Radrennställen. Denn bislang war die Madrider Bewerbung eher durch andere Motive aufgefallen: als Vorwand für Spekulationsgeschäfte von Immobilienhaien und Baulöwen. Das Olympia-Argument war manchen offenbar dabei hilfreich, an Aufträge und öffentliche Mittel zu kommen. Bei der Bevölkerung bestand lange nicht mehr der Eindruck, Madrid bemühe sich ernsthaft um die Spiele.

Nach den Terror-Anschlägen vom 11. März wurde viel darüber gesprochen, ob nun Touristen ausbleiben. In dieser Diskussion spielte keine Rolle, ob vielleicht auch die Olympiabewerbung beschädigt worden ist. Offenbar erinnerten sich nicht mehr alle Spanier daran, dass diese Bewerbung noch bestand. Der neue Sport-Staatssekretär will das nun ändern. Aber noch ist offen, wie ernst es der neuen politischen Führung wirklich ist. Schließlich wurde die sozialistische Regierung gewissermaßen vom übrigen Spanien gegen das Madrider Establishment gewählt. Nun muss sie den Hauptstädtern zeigen, dass diese nicht in der Verliererecke stehen. Harald Irnberger

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