Sport : Leise Gefahr

Nach dem schweren Unfall des Bob-Bundestrainers Raimund Bethge ist die Ursache noch ungeklärt

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Berlin - In der Nacht zum Donnerstag hat Wolfgang Hoppe keinen Schlaf gefunden. „Ich habe stundenlang gegrübelt, wie Raimund Bethge der Unfall passieren konnte“, sagt der Bob-Bundestrainer der Frauen. Er hatte tags zuvor miterleben müssen, wie der deutsche Cheftrainer in der Eisrinne von Cesana von einem 390 Kilogramm schweren australischen Zweierbob mit einer Geschwindigkeit von etwa 90 Stundenkilometer umgefahren worden ist. „Erst einmal sind wir alle froh, dass nicht noch viel Schlimmeres passiert ist“, sagt Hoppe, „bei höherer Geschwindigkeit hätte Raimund auch seine Beine verlieren können – sogar ein tödlicher Unfall wäre möglich gewesen.“

Der 58 Jahre alte Bethge hat einen offenen Unterschenkelbruch, eine Sprunggelenksfraktur und eine schwere Gehirnerschütterung erlitten. Es geht ihm allerdings bereits besser, er wurde gestern vom Krankenhaus in Turin zur Spezialbehandlung ins Unfallkrankenhaus Murnau geflogen. Die Unfallursache ist jedoch weiterhin unklar. Offenbar war der ursprüngliche Trainingszeitplan beibehalten worden, während der deutsche Trainer davon ausgegangen ist, dass dieser wegen schlechter Witterung verschoben wird. Eine Expertenrunde unter der Leitung des Bob-Weltverbandspräsidenten Robert Storey begann gestern mit der Untersuchung des Unfalls. Die italienische Staatsanwaltschaft will sich nicht einschalten.

Wolfgang Hoppe sieht die Unfallursache in den äußeren Umständen auf der Olympiabahn. „Sie war mit Sonnensegeln zugehängt, die auch noch schneebedeckt waren.“ So habe Bethge den herannahenden Bob schlechter hören können. „Hinzu kam, dass außerhalb der Bahn Baulärm herrschte, sonst hätte Raimund in Kurve zehn zumindest das Rumpeln gehört“, sagt er. Auch die teaminterne Warnung per Funkgerät durch den Pilotentrainer Meinhard Nehmer ist ihm offenbar entgangen. Bethges langjähriger Weggefährte hatte kurz darauf die Hilferufe des Schwerverletzten per Sprechfunkgerät gehört. Warum Raimund Bethge überhaupt in der Bahn war? „Das ist normal, wir messen Temperaturen, überprüfen die Eisbeschaffenheit und bewerten für die Fahrer die Ein- und Ausfahrten der Kurven“, antwortet Hoppe. „Ich stand ein paar Kurven weiter in der Bahn, es hätte auch mich treffen können.“

Bei ihm überwog allerdings bereits die Erleichterung, dass das Unglück nicht tragischer ausgegangen ist. „Wir wissen alle, welche Gefahren unsere Sportart birgt“, sagt Hoppe. Die Aktiven bezeichnen ihren Sport gerne als Formel 1 des Winters: geprägt von hohen Geschwindigkeiten und das permanente Fahren an der Risikogrenze. Wolfgang Hoppe wird zunächst im deutschen Team Bethges Bundestraineraufgaben übernehmen.

Bethge ist bereits der zweite im Eiskanal schwer verunglückte Bundestrainer des deutschen Bob- und Schlittenverbandes. Am 17. Dezember 1993 ist eine Rodlerin in den damaligen Rodelbundestrainer Sepp Lenz gerast, der die Bahn ausfegte. „Es war mein Fehler“, sagt Lenz heute. Er verlor bei diesem Unfall einen Unterschenkel und muss mit einer Prothese leben. „Ich muss jetzt im Leben ein paar Abstriche machen“, sagt der 70-Jährige, „ich kann zwar Skifahren, aber bei Bergtouren meldet sich nach fünf bis sechs Stunden die Prothese.“

Er will Bethge, der in Berchtesgaden lebt, demnächst kontaktieren. Bei dieser Gelegenheit kann er ihm erzählen, wie schnell bei ihm der Heilungsprozess fortgeschritten ist. Bereits zwei Monate nach seinem Unfall nahm Lenz bei den Olympischen Spielen in Lillehammer die Arbeit wieder auf. Einen ähnlichen Zeitplan dürfte auch Raimund Bethge anstreben.

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