Sport : Leiser Riese

Vor den Play-offs der NBA diskutiert Dallas über Dirk Nowitzkis Führungsqualitäten

Martin Fünkele[Dallas]

Sein Gesicht fehlt, die Beine auch. Den Torso, der vor dem Ostflügel der American Airlines Arena in Downtown Dallas steht, erkennt dennoch jeder. Eingepackt in ein weiß-blaues Trikot des NBA-Klubs der Dallas Mavericks mit der Nummer 41, schwankt der Riese im Wind – aufgepumpt von einem Elektrogenerator. Zu übersehen ist Dirk Nowitzkis Oberkörper jedenfalls nicht. Das Bild ist eindeutig: Nowitzki schützt die heimische Spielstätte vor feindlichen Eindringlingen.

In der Umkleidekabine der Mavericks gibt der 27-Jährige ein anderes Bild ab. Den Riesen sucht man hier vergeblich. Nur zwei enorm große Turnschuhe weisen darauf hin, dass sich hinter dem Pulk von Reportern tatsächlich der deutsche Nationalspieler verbirgt. Mit gedämpfter Stimme beantwortet er Fragen. Die Journalisten sind hartnäckig, wollen wissen, was die erfolgreiche Hauptrunde für die Play-offs bedeutet. Am Sonntag starten die Mavericks gegen die Memphis Grizzlies in die erste Runde.

Zwar verloren die Dallas Mavericks das letzte reguläre Saisonspiel gegen die Los Angeles Clippers 75:81, doch Dirk Nowitzki spielte nicht mit. Er trainierte stattdessen für die Play-offs in einer Halle mit seinem Privattrainer Holger Geschwindner. Nach dem 60. Sieg der regulären Saison hatte Nowitzki gesagt: „Den Klubrekord einzustellen ist etwas Besonderes.“ Dabei spricht er so leise, als ob er seine Gedanken für sich behalten wollte. Dann warnt er: „In der Saison 2003 haben uns 60 Siege auch nichts gebracht.“ Damals war im Finale der Western-Conference Schluss gegen den späteren Meister San Antonio.

In diesem Jahr zählt Dallas zu den Titelaspiranten, ihr Anführer reifte zum „besten Spieler, der je mit seiner Größe in der Liga spielte,“ sagte Flip Saunders, Trainer des Titelfavoriten Detroit Pistons. Experten räumen Nowitzki gute Chancen im Rennen um den Titel des wertvollsten Spielers (MVP) der Liga ein. Nur Nowitzki selbst mag sich nicht ändern. Er will partout nicht das dominante Alphatier spielen, das ein Superstar in den USA wie selbstverständlich zu mimen hat. Dennoch hat Teamkollege Jason Terry festgestellt, dass „Dirk lauter geworden ist“. Bei mangelnder Leistung setzt es von ihm harte Kritik. „Aber er ist eben immer noch Dirk. Einer, der dich zum Lachen bringt und immer positiv ist“, sagt Terry.

Dallas-Coach Avery Johnson sagt: „Ich glaube, dass Dirk spürt, wie ihm die Zeit davonläuft.“ Nowitzki habe noch nie so häufig über den Titel gesprochen wie in diesem Jahr. Und Johnson weiß auch, warum: „Du kannst nicht ewig für ein Spitzenteam spielen, ohne Meister zu werden.“ Und dass sie in Dallas unbedingt den Titel wollen, daran lässt Johnson, der 1999 mit San Antonio als Spieler Meister wurde, keinen Zweifel. In seiner zweiten Trainer-Saison will er zurück auf den NBA-Thron. Dafür hat er in der Umkleidekabine extra eine Tafel installiert: „Der Weg, ein Meisterteam zu formen.“ Die vielen Häkchen auf dem Tableau verraten, wie nah sich Johnson seinem Ziel wähnt. Wäre da nur nicht sein Ex-Team San Antonio Spurs. Bereits in Runde zwei könnten die beiden besten Teams des Westens aufgrund einer umstrittenen Play-off-Regelung aufeinander treffen. Dass die Memphis Grizzlies dies verhindern, daran glaubt bei den Mavericks keiner. Schließlich verloren die Blau-Weißen seit 1987 keine Erstrunden-Serie mehr, in der sie das Heimrecht hatten. Memphis dagegen ist in bisher zwei Playoff-Teilnahmen sieglos.

Doch die Chancen der Mavericks, in das Western-Conference-Finale zu kommen, scheinen gering. Nowitzki fehlt im Vergleich mit San Antonio schlicht die Unterstützung der Bank-Spieler. Auch im MVP-Rennen hat er keinen Lobbyisten, Selbstdarsteller wie Kobe Bryant oder LeBron James liegen höher im Kurs als stille Arbeiter. Zuletzt hat sogar ein Psychologe versucht, Dirk Nowitzki zu überzeugen, mehr aus sich herauszugehen. Vergeblich. Nowitzki sagt zur Kritik an seinem Führungsstil: „Vielleicht bin ich ja zu nett. Aber wenn ich schon ein Leader sein will und muss, mache ich das auf meine Art.“ Diese Art ist bekannt: Auf dem Feld ein Riese, abseits davon leise. Für die US-Medien ist das ein Dilemma, das sich nur durch den Gewinn der Meisterschaft lösen lässt.

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