Leistungssport : Die Vorschwimmerin

Vor sieben Jahren verlor Natalie du Toit ihr Bein. In Peking wird sie nun gegen Nichtbehinderte antreten.

Annette Kögel

Berlin - Für Natalie du Toit wird ein Wunsch wahr, den sie schon lange in sich trug. Die unterschenkelamputierte Schwimmerin aus Südafrika fährt nach Peking – und zwar nicht nur zu den Paralympics, sondern auch zu den Olympischen Spielen. „Ich hatte immer den Traum, an den Olympischen Spielen teilzunehmen“, sagt die 24 Jahre alte Athletin. „Dass ich mein Bein verloren habe, hat an diesem Traum nichts geändert.“ Nun war sie bei bei den Open-Water-Langstreckenwettkämpfen des Weltschwimmverbandes schneller unterwegs als viele ihrer unversehrten Konkurrentinnen. Natalie du Toit wird deshalb die erste Frau mit nur einem Bein sein, die bei Olympia starten darf.

Du Toit hatte nur knapp die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Sydney 2000 verpasst und große Hoffnungen auf die Zukunft geweckt, da rammte sie 2001 ein Auto, als sie auf ihrem Motorroller saß. Ihr Unterschenkel mit Kniegelenk musste amputiert werden. Vier Monate später trainierte sie schon wieder – und sprang beim Finale der 800 Meter Freistil der „Commonwealth Games“ für Athleten ohne Handicap ins Wasser. Die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Athen vor vier Jahren verpasste sie – holte aber bei den Paralympics fünf Goldmedaillen und eine Silbermedaille.

Dass die Südafrikanerin nun zu den Olympischen Spielen nach Peking fliegt, steht fest, seitdem sie das 10-Kilometer-Langstreckenschwimmen in offenem Wasser in Sevilla als Vierte absolvierte. Sie schaffte die Distanz in 2 Stunden, 2 Minuten und 7,8 Sekunden – und lag damit nur 5,1 Sekunden hinter der Ersten, der Russin Larisa Ilchenko. Die deutsche nichtbehinderte Schwimmerin Britta Kamrau kam erst als 39. aus dem Wasser.

„Natalie du Toit ist eine Ausnahmeathletin. Bei den Wettkämpfen hat sie viele nichtbehinderte Sportlerinnen hinter sich gelassen“, sagt Steffi Klein vom Internationalen Paralympischen Kommittee (IPC) in Bonn. Die Athletin Kirsten Bruhn, eine der Favoritinnen der deutschen Paralympics-Nationalmannschaft im Schwimmen, sagt auf Nachfrage: „Ich bewundere diese Frau.“ Ihrer Erfahrung nach werden viele Athleten mit Handicap du Toit zwar gratulieren – mit ihr tauschen wollen sie jedoch nicht.

Die im Raum stehende Idee, die Paralympics und die Olympischen Spiele zusammenzulegen, hält IPC-Präsident Sir Philip Craven schon aus logistischen Gründen für ausgeschlossen: Es sei „illusorisch“, dass 4000 Athleten mit und 10 000 Athleten ohne körperliches Handicap zusammen antreten würden, sagt er. „Die Paralympischen Spiele werden immer größer und bekannter, für Menschen mit Behinderungen etablieren sie sich als Bühne für ihren Sport.“

Die erste Sportlerin mit Beeinträchtigung bei Olympia ist Natalie du Toit nicht. 1904 gewann George Eyser bei den Spielen in St. Louis gleich mehrere Medaillen – trotz Holzbein. Die querschnittgelähmte Neuseeländerin Neroli Fairhall startete 1984 in Los Angeles im Bogenschießen. Und 2000 trat in Sydney mit Marla Runyan aus den Vereinigten Staaten eine sehbehinderte Läuferin über 1500 Meter an. Du Toits Chancen stehen trotz Handicap gut: Dadurch, dass Schwimmer viel mit Oberkörper und Armen arbeiten, gelingt es du Toit, den fehlenden beidseitigen Beinschlag wettzumachen. Die Schwimmerin tritt ohne Prothese an. Ihrem Landsmann Oscar Pistorius gestattete der Leichtathletik-Weltverband die Reise zu den Olympischen Spielen nach Peking dagegen nicht. Pistorius hat beide Unterschenkel verloren. Gutachtern zufolge verschaffen ihm seine Hightech-Prothesen einen Vorsprung gegenüber nichtbehinderten Konkurrenten. Pistorius’ Klage vor dem Internationalen Sportgerichtshof ist noch anhängig.

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