Sport : Lerne die perfekte Schwalbe!

Wer nach Wien zum Deutschland-Spiel reist, muss auf jeden Fall die Ausstellung „Herz:Rasen“ sehen. Damit holen die Österreicher zwar nicht den EM-Titel, aber die Ausstellungsmeisterschaft

Friedhard Teuffel[Wien]

Eine lustige Europameisterschaft ist das. Dafür haben die Österreicher schon gesorgt. Mit einer Ausstellung im Künstlerhaus Wien, die den hübschen Namen „Herz:Rasen“ trägt. Sie wollen dort der Welt die perfekte Schwalbe beibringen in einer eigenen Schwalbenschule. Auf einem Stück Kunstrasen kann der Besucher nach einem Lehrfilm das Elfmeterschinden üben. „Erstmal schön rumwälzen“, heißt es darin, und: „Deine vermeintliche Erholung muss im richtigen Verhältnis zur vorgetäuschten Verletzung stehen.“

Wenn sie schon vermutlich nicht Europameister werden, dann haben die Österreicher wenigstens den Titel des Ausstellungsmeisters verdient. Natürlich kommt auch Cordoba vor. Zu sehen ist das vielleicht möglicherweise unter Umständen echte Trikot von Hans Krankl, in dem er Deutschland bei der WM 1978 in Argentinien das 3:2 verpasste. Aber das ist nur ein Stück Stoff in einer Vitrine. Ein größerer Raum der Ausstellung wird mit Selbstironie bespielt. In einer Computersimulation kann der Besucher das 1:1 für Österreich gegen die Färöer erzielen. Das Tor also, das den Österreichern 1990 fehlte, um die größte Blamage ihrer Fußballgeschichte zu verhindern.

Überhaupt lädt „Herz:Rasen“ zum Mitspielen ein, und das unterscheidet die Austellung etwa von den „Rundlederwelten“ bei der WM 2006 im Berliner Martin-Gropius-Bau. Damals verband sich Fußball mit der Kunst. Dafür fehlte den Ausstellungsmachern in Wien allein schon das Geld. Nur 30 000 Euro hatten sie zur Verfügung, um Kunst anfertigen zu lassen oder auszuleihen. 1,8 Millionen beträgt das Gesamtbudget. Sie haben das Geld also lieber in Mitmachangebote investiert. Die ganze Ausstellung ist ein spannender Parcours geworden, den der Besucher aus zwei Perspektiven besichtigen und bewältigen kann. Hinter der Eingangshalle gabelt sie sich in die beiden typischen Wege des Fußballs, den des Spielers und den des Fans. Später treffen sie in einer Arena wieder zusammen. Der Weg des Spielers erzählt davon, wie der Fußball inzwischen vom wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Denken beherrscht wird, dass die Transferwege des internationalen Fußballs denen der Kolonialwaren gleichen und wie sich Profis auf ihrem Arbeitsmarkt mit Bewerbungsvideos anpreisen.

Die Professionalisierung kann der Besucher selbst erleben, in dem er seine Geschicklichkeit und seine Reaktionsfähigkeit an modernen Geräten testet und so einen Einblick bekommt, was inzwischen alles vermessen wird im Fußball. Nur ein paar Meter weiter bolzt Paul Breitner mit dem FC Bayern im Film noch ganz altertümlich Kondition und Schnelligkeit. Wie der Fußball dramatisiert und inszeniert wird, auch das gibt die Ausstellung gut wieder. Das Länderspiel zwischen Österreich und Deutschland aus dem Februar dieses Jahres kann der Besucher aus zwölf verschiedenen Kamerapositionen sehen.

Doch die Emotionen bleiben. Das zeigt der Weg des Fans, auf dem die Seele der Fußballanhänger erforscht, aber auch gestreichelt wird. „Über Fußball reden heißt eigentlich über sich selbst reden“, verkündet die Ausstellung. Und es wird nicht nur geredet, es darf auch Karaoke mit Fanliedern gesungen werden. „Herz:Rasen“ spielt mit Ritualen und Symbolen, zeigt die Überhöhung wie die Bodenhaftung des Fußballs. Die österreichische Legende Herbert Prohaska hat für die Ausstellung ein Paar seiner Fußball-Schuhe vorbeigebracht – in einer Plastiktüte.

„Herz:Rasen“ tröstet aber auch die, die es nicht geschafft haben. Der Raum, der die Verbindung der Fankultur mit der Jugendkultur und der Popkultur zeigt, gehört allein den Engländern. Sie haben schließlich die Fankultur am meisten beeinflusst. So ist England wenigstens bei der EM-Ausstellung dabei.

Herz:Rasen – die Fußballausstellung. Im Künstlerhaus Wien bis zum 6. Juli 2008. Eintritt 8 Euro, ermäßigt 5 Euro, Kinder unter 6 Jahren freier Eintritt.

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