Sport : Lernen für Europa

Der VfL Wolfsburg ist den hohen Anforderungen der Champions League noch nicht gewachsen

Stefan Hermanns[Wolfsburg]

Kurz vor dem Schlusspfiff bestand offensichtlich noch erheblicher Gesprächsbedarf. Ein Fan des VfL Wolfsburg redete auf Zvjezdan Misimovic und Edin Dzeko ein. Die Offensivspieler wirkten ein wenig hilflos. Wieso tut denn keiner was? Dzeko und Misimovic standen am Mittelkreis, der Ball lag zum Anstoß bereit, aber das Spiel konnte nicht weitergehen, weil neben ihnen der Anhänger in Grün gestikulierte. Gänzlich unbehelligt hatte er sich auf den Rasen geschlichen. Normalerweise werden Zuschauer, die sich widerrechtlich Zutritt zum Spielfeld verschaffen, schon nach ein paar Metern von einer Horde wilder Ordner zu Boden geworfen. Am Dienstagabend in der VfL-Arena passierte lange: nichts. Es war, als hätte sich allgemeine Lähmung breitgemacht. Wer interessiert sich da noch für einen verirrten Fan, der die Hausordnung missachtet?

Die Wolfsburger hatten ganz andere Sorgen, als sie nach dem dritten Tor von Michael Owen zum finalen Wiederanstoß bereit standen. Die 1:3-Niederlage gegen Manchester United beendete für den Deutschen Meister das Abenteuer Champions League. Wie so viele Klubs aus der Bundesliga ist auch der VfL bereits nach der Vorrunde aus dem Wettbewerb ausgeschieden. „Wir werden zurzeit schwer gebeutelt“, sagte Trainer Armin Veh.

Als wäre das Aus nicht schlimm genug, hatte das Schicksal noch ein paar letzte Volten für die Wolfsburger bereitgehalten. Seit kurz vor der Pause waren sie quasi ausgeschieden, weil ihr Konkurrent ZSKA Moskau in Istanbul in Führung lag. Das zwischenzeitliche 1:1 durch Dzekos Tor reichte nicht, und als Owen kurz vor Schluss sogar zum 2:1 für Manchester traf, schien endgültig alles vorbei. Doch dann glich Istanbul aus, mit einem Unentschieden wäre Wolfsburg weiter gewesen, und in der Nachspielzeit schien sich alles zum Guten zu wenden. Eine scharfe Hereingabe landete im Strafraum der Engländer, doch Sascha Riether trat völlig unbedrängt über den Ball. Im Gegenzug traf Owen zum 3:1.

Selbst da war noch nicht alles vorbei: Als Wolfsburgs Spiel bereits abgepfiffen war, wurde in Istanbul noch gespielt. Ein Tor für Besiktas – und der VfL wäre weiter gewesen. Der Stadionsprecher reportierte live. „Da hoffst du mal kurz“, berichtete Veh. Doch als das 2:1 für Moskau vermeldet wurde, war er mit den Spielern schon in der Kabine. „Das Glück ist nicht unbedingt auf unserer Seite“, sagte Wolfsburgs Trainer, „seit Wochen nicht.“ Wieso hätte es jetzt anders sein sollen? Als allerallerletzte Möglichkeit bleibt dem VfL noch ein Protest bei der Uefa, weil zwei Moskauer nach ihrem Spiel in Manchester positiv auf eine verbotene Stimulans getestet worden sind. Wolfsburg erwägt diese Möglichkeit, die Uefa aber hat den Klub bereits von der Aussichtslosigkeit eines Protests unterrichtet.

Der VfL hätte gar nicht erst über Rechtsmittel nachdenken müssen, wenn er gegen Manchester ein wenig entschlossener seine Siegchance gesucht hätte. „Wir haben den Unterschied gesehen zwischen einer großen Mannschaft und einer, die noch dazulernt“, sagte Wolfsburgs Mittelfeldspieler Karim Ziani. Selbst für Uniteds B-Elf war der VfL nicht groß genug. „Manchester hat keine Chance ausgelassen, das macht auf diesem Niveau einfach den Unterschied aus.“ Wolfsburg hingegen schaffte es nicht, den Gegner dauerhaft in den Klammergriff zu nehmen.

„Die Mannschaft hat sich gut präsentiert“, sagte Trainer Armin Veh über die erste Saison des VfL in der Champions League, „man konnte sehen, dass wir mithalten können und auch eine gute Mannschaft haben.“ Die Wolfsburger haben aber auch erfahren müssen, dass in diesem Nobelwettbewerb verschärfte Anforderungen gelten – gerade im letzten Spiel, als selbst Manchesters Ersatzspieler besser mit der Intensität zurechtkamen als die Stammkräfte des VfL. „Die Erfahrung haben meine Spieler noch nicht“, sagte Veh. „Woher sollen sie sie auch haben?“ Die viel entscheidendere Frage ist: Woher sollen sie sie künftig bekommen?

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