Letzigrund in Zürich : Eine EM im Mekka der Leichathletik

Die Europameisterschaften in der Leichtathletik finden an einem ihrer Lieblingsorte statt: Im legendären Züricher Letzigrund-Stadion wurden schon 25 Weltrekorde aufgestellt.

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An der Stabhochsprunganlage gab es 2009 den bisher letzten Weltrekord in Zürich.
An der Stabhochsprunganlage gab es 2009 den bisher letzten Weltrekord in Zürich.Foto: dpa

Hier wird es noch ein bisschen leiser als sonst, wenn der Kampfrichter den Start ankündigt. Und wenn nach dem Startschuss alle losrennen, kann es auch besonders laut werden. Die Zuschauer hier wissen genau, was gerade passiert und worum es geht. Die Leichtathletik ist mit ihren Europameisterschaften in dieser Woche an einem ihrer Lieblingsorte eingekehrt, dem Züricher Letzigrund-Stadion. Ein Ort mit Geschichte. Ein Ort mit Fachpublikum. Wenn es die Leichtathletik in Europa derzeit schon nicht so einfach hat, weil sie nach Hauptdarstellern sucht, nach Aufmerksamkeit, Sponsoren und Übertragungszeiten im Fernsehen – Zürich wird es ihr bis zum Sonntag bestimmt leicht machen.

Im Letzigrund sind alle Leistungen möglich, das erzählen die vergangenen Jahrzehnte. Das jährlich stattfindende Meeting „Weltklasse Zürich“ hält, was sein Name verspricht. Es ist das am besten besetzte Meeting, verfügt mit fünf bis sechs Millionen Euro über den höchsten Etat, etwa dreimal so hoch wie der des Berliner Istaf, und hat schon 25 Weltrekorde erlebt.

Einer der ersten war Armin Harys Bestzeit über 100 Meter. Und wie sein Rekord zustande kam, trug auch zum Mythos bei. „Ich hätte eigentlich gar nicht laufen sollen. Der Deutsche Leichtathletik-Verband hatte mich gesperrt, weil ich mich auf die Olympischen Spiele in Rom vorbereiten sollte“, erzählt er. Dann erhielt er doch die Freigabe, ganz kurzfristig. Aber wie noch schnell nach Zürich kommen?

Das Meeting "Weltklasse Zürich" ist das am besten besetzte in der Leichtathletik

Der Chef von Swissair besorgt Hary persönlich einen Platz im Flugzeug, das ist Teil der Legende. Und noch mehr das, was dann am 21. Juni 1960 im Stadion passiert. „Die Bahn war als schnell bekannt, sie war besonders gepflegt“, erzählt Hary. Das bestätigt er mit seinem Lauf auf dieser Aschenbahn. Als erster Mensch rennt er die 100 Meter handgestoppt in 10,0 Sekunden. Doch sein Lauf wird annulliert, er soll zu früh losgerannt sein, sagt die Wettkampfleitung. Ein zweiter Schuss als Zeichen für einen Fehlstart hatte der Starter allerdings auch nicht abgefeuert.

Als einziger deutscher Journalist ist Gustav Schwenk im Stadion. Er weist das Kampfgericht darauf hin, dass Hary ein zweiter Lauf zustehe. Der wird eine halbe Stunde später gestartet und endet mit der gleichen Zeit – die Uhr für Hary bleibt bei 10,0 Sekunden stehen. Der Weltrekord gilt. „Einmal im Leben musste man in Zürich starten“, sagt Hary heute. Er hat es genau einmal getan, mit einem historischen Ausgang.

In der Züricher Weltrekordliste finden sich weitere prominente Namen. Die US-Amerikanerin Evelyn Ashford rannte die 100 Meter 1984 in 10,76 Sekunden. Ihr Sieg in Weltrekordzeit habe ihr mehr bedeutet als ihr Olympiagold in Los Angeles wenige Tage zuvor, weil sie in Zürich die Konkurrentinnen aus den Ländern hinter sich ließ, die in Los Angeles wegen des Boykotts nicht am Start waren, vor allem die DDR-Sprinterin Marlies Göhr.

Harry „Butch“ Renyolds verbesserte über 400 Meter im Letzigrund-Stadion 1988 die 20 Jahre alte Bestzeit seines US-Landsmanns Lee Evans. Sein Rekord von 43,29 Sekunden sollte elf Jahre Bestand haben, bis Michael Johnson die Stadionrunde in bis heutige unübertroffenen 43,18 Sekunden rannte – was immer man auch von solchen Zeiten halten mag. 1988 besiegte Carl Lewis in Zürich Ben Jonson in 9,93 Sekunden, was nach dem Dopingfall von Ben Johnson später zur zwischenzeitlichen Weltrekordzeit erklärt wurde. Auch Haile Gebrselassie, Wilson Kipketer und Asafa Powell stehen in den Weltrekordlisten von „Weltklasse Zürich“.

Den 25. und jüngsten Weltrekord stellte beim 1928 erstmals ausgetragenen Leichtathletikfest die russische Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa 2009 mit 5,06 Meter auf. Das Stadion war zu diesem Zeitpunkt schon umgebaut. Seit 2007 befindet es sich in neuem Zustand mit einer Dachkonstruktion, die wie ein Ring auf Stelzen über den Tribünen liegt und die Arena luftig und durchlässig wirken lässt. Zur Bedeutung und zum Selbstbewusstsein der Leichtathletik in Zürich würde es passen, den Ring zum Heiligenschein zu erklären.

Aus benachbarten Häusern kann man sogar das Geschehen im Stadion anschauen

Aus einigen benachbarten Häusern kann man sogar das Geschehen im Stadion anschauen. 31 Flutlichtmasten stehen wie schlanke Leuchtstäbe auf dem Dach, sie haben dem Stadion den Spitznamen Geburtstagstorte eingebracht, auch wenn der in etwa so populär sein dürfte wie das Synonym Telespargel bei den Berlinern für den Fernsehturm.

Nun finden nach 60 Jahren wieder Europameisterschaften in der Schweiz statt, 1954 wurden die letzten in Bern ausgetragen, im selben Jahr, in dem die Schweiz auch noch groß genug für eine Fußball-WM war. Ein Selbstläufer ist die Leichtathletik allerdings auch in Zürich nicht mehr. Zwei Drittel aller Tickets sind erst verkauft, bei einem Fassungsvermögen von 26 000 Besuchern. „Die allzu hohen Billettpreise – vielleicht die einzige Fehleinschätzung der Organisatoren – haben bisher vor allem Gelegenheitsbesucher abgeschreckt“, schreibt der Züricher „Tages-Anzeiger“. Die günstigsten Tageskarten kosten für Kinder 47,50 Franken, für Erwachsene 95 Franken. Wer im gesponserten Fanblock der Schweizer sitzen will, spart zehn Franken.

Den Athleten der EM ist bewusst, mit welchem Ort sie es zu tun haben, einige von ihnen haben hier auch schon beste Erfahrungen gemacht. „Vor vier Jahren lief ich hier über 5000 Meter erstmals unter 13 Minuten und britischen Rekord. Dieses Stadion gehört für mich zu den magischen Orten“, sagt etwa der zweifache britische Olympiasieger Mo Farah.

Jetzt müssen nicht nur Athleten Titel verteidigen, sondern auch das Letzigrund-Stadion – als Zauberkasten der Leichtathletik.

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