Sport : Letzte Ausfahrt Buffalo

Juan Carlos Gomez boxt in den USA gegen den Türken San und sein Image als Lebemann

Michael Rosentritt

Juan Carlos Gomez liebt Inszenierungen. Als musikalische Untermalung für den Einmarsch in den Boxring hat der Kubaner Gloria Estefans Song „Conga“ gewählt. Wenn der Latino-Rhythmus durch die Arena dröhnt, springen die Damen auf. Sie wollen den muskulösen, elegant tänzelnden Boxer sehen. Mal lächelt er zurück, mal blickt er finster drein und schlägt angedeutete Aufwärtshaken in die Luft. Wenn er am Ring angekommen ist, packt er das oberste Ringseil und springt im Schlusssprung drüber in den Ring. Gomez bot mehr Show als jeder andere in Deutschland. Bis zum vergangenen Frühjahr, als Gomez von einem Tag zum anderen abtauchte.

Aufgetaucht ist er auf der anderen Seite des Atlantiks. In Miami, im Stall von Sugar Ray Leonard, dem Olympiasieger von 1976 und späteren Profiweltmeister. Trainiert wird er vom legendären Angelo Dundee, dem langjährigen Coach von Muhammad Ali. In der Nacht zum Sonntag wird er in Buffalo boxen – gegen den Türken Sinan Samil San, den „Bullen vom Bosporus“. Es ist ein Duell ehemaliger Stallgefährten, die zueinander nicht das herzlichste Verhältnis pflegen. Beide fetzten sich beim Sparring in der Trainingshalle der Hamburger Universum Box-Promotion derart, dass immer abgebrochen werden musste. „Da war zu viel Aggressivität im Spiel“, sagt Universum-Sprecher Christoph Rybarczyk. „Die konnten sich noch nie riechen.“

Der Schwergewichtskampf in Buffalo wird live beim amerikanischen Pay-TV-Sender HBO und in Deutschland bei Premiere ab vier Uhr am Sonntagmorgen sowie in einer Aufzeichnung des ZDF ausgestrahlt. In Deutschland käme dieser Kampf nicht zustande, weil Gomez 300 000 Euro Steuerschulden drücken. Zwielichtige Berater hatten einen Großteil seiner Gagen am Fiskus vorbei geschleust. Gomez musste Deutschland Hals über Kopf verlassen.

Es war nicht die erste Flucht im Leben des Juan Carlos Gomez. Im Frühjahr 1995 hatte der Kubaner sich während eines Amateurturniers in Halle an der Saale von seinem Team abgesetzt und politisches Asyl beantragt. Gomez war nicht der erste kubanische Staatsboxer, der in den Westen flüchtete, aber er war der erste, der bei den Profis Weltmeister wurde. Das war drei Jahre nach seiner Flucht, in die er niemanden eingeweiht hatte, weder seine Eltern und seine neun Geschwister noch seine Frau, die er samt einer gemeinsamen Tochter in Havanna zurückließ. Sein Vater ließ ihn via Telefon wissen: „Du hast die Revolution verraten. Du bist nicht mehr mein Sohn.“

Juan Carlos Gomez wuchs in einem Heim für Schwererziehbare auf. Im Alter von zwölf Jahren fiel er einem Talentspäher auf, schaffte dann den Sprung in die nationale Boxelite und landete in der „Finca Orbain Quesada“, dem Edelinternat Kubas.

Die Trainer und Funktionäre konnten mit dem schwierigen Kerl nicht viel anfangen und schnitten ihn bei den Nominierungen. Alcides Sagarra, der weltweit erfolgreichste Boxtrainer, weigerte sich 1992, Gomez zu den Olympischen Spielen nach Barcelona zu schicken.

Bei der Universum Box-Promotion in Hamburg machte Gomez schnell Karriere. 1998 wurde er Weltmeister und hielt den WBC-Titel im Cruisergewicht, bis er im vergangenen Jahr ins Schwergewicht aufstieg. Doch das Geld stieg dem Kubaner zu Kopf. Er entwickelte sich zu einem Lebemann, mit einem ausgeprägten Hang für alles, was Spaß macht – Frauen und Feiern, Trinken und Tanzen. Training und Disziplin gehörten nicht dazu. „Wir waren mit seiner Einstellung überhaupt nicht mehr zufrieden. Er hat das Training vernachlässigt und war privat in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. Er hat sich nicht mehr im Griff“, sagte Klaus-Peter Kohl, Chef der Universum Box-Promotion.

Dazu kamen private Probleme. Gomez war mit der Tochter von Trainer Sdunek verheiratet, doch selbst ein gemeinsames Kind konnte die Ehe nicht retten. Sduneks Tochter ist mittlerweile wieder verheiratet. Glücklich, wie man hört. Mit Ahmet Öner, und der ist pikanterweise der private Manager des „Bullen vom Bosporus“, mit dem Gomez es nun in Buffalo zu tun hat.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben