Sport : Letzte Rettung Uefa-Cup

Der angebliche Verlierer-Cup war für Hertha BSC noch nie so wichtig wie in dieser schweren Saison

Stefan Hermanns

Berlin. Die positive Nachricht des Wochenendes ist ein wenig untergegangen in den sportlichen Katastrophenmeldungen. Wenige Stunden vor dem Bundesligaspiel gegen Wolfsburg verkündeten Hertha BSC und der Sportartikelhersteller Nike, dass sie ihre Zusammenarbeit bis zum Sommer 2009 fortsetzen wollten. „Eine ausgezeichnete Basis für die Zukunft“ sieht das Unternehmen beim Berliner Fußball-Bundesligisten. Die Gegenwart hingegen erscheint eher trübe.

Mit dem 2:2 gegen den VfL Wolfsburg hat Hertha am Samstag die eigene Mittelmäßigkeit untermauert. Schon zur Winterpause sieht es so aus, als ob die Mannschaft die hohen Ansprüche nicht mehr erfüllen könne – egal ob sie im letzten Vorrundenspiel beim Tabellenvorletzten Kaiserslautern gewinnt oder nicht. Im DFB-Pokal scheiterte Hertha in der ersten Runde am Regionalligisten Holstein Kiel, in der Bundesliga hat die Mannschaft nur drei von acht Heimspielen gewonnen. Sie liegt auf Platz acht und hat bereits sieben Punkte Rückstand auf einen Champions-League-Platz.

So trostlos wie der Verlauf der Vorrunde droht auch die Rückrunde zu werden, wenn es für die ambitionierten Berliner nur noch darum geht, wenigstens einen Platz für den Uefa- Cup zu belegen, also wenigstens Fünfter zu werden. Hertha hat sich zuletzt dreimal für diesen Wettbewerb qualifiziert; allzu beschwingend ist die Aussicht daher nicht, zum vierten Mal gegen Mannschaften wie Zalaegerszegi TE, NK Zeljeznicar oder Metalurg Saporoschje zu spielen. Knapp 25 000 Zuschauer kamen zu Herthas beiden letzten Heimspielen im Uefa-Cup – zu beiden zusammen, wohlgemerkt.

Doch so frustrierend die Aussicht sein mag, sich am Ende der Saison erneut für den „Verlierer-Cup“ (Franz Beckenbauer) zu qualifizieren, so wichtig ist für Hertha der laufende Wettbewerb. Auf die finanzielle Bedeutung hat Manager Dieter Hoeneß längst hingewiesen. Die Berliner müssen eine Finanzlücke von sieben Millionen Euro schließen; das große Geld aber gibt es erst zu verdienen, wenn Vereine wie Liverpool, Lazio Rom oder Leeds United nach Berlin kämen.

Wichtig wäre das Überwintern auch aus psychologischen Gründen. Die Spieler jedenfalls sind im Moment „froh über die Doppelbelastung“, wie Stefan Beinlich sagt. Der schnelle Spielrhythmus verhindert, dass die Hertha-Profis sich allzu lange mit schweren Gedanken plagen. Ein Erfolg im Rückspiel beim FC Fulham am Donnerstag (18 Uhr/live in der ARD) und das Weiterkommen in die vierte Runde aber gäbe auch den Berliner Fans wieder ein Ziel für ihre Sehnsucht: die Aussicht, den Uefa-Cup zu gewinnen.

Herthas Trainer hat das schon einmal erlebt: 1997 war das, bei Schalke 04. Der Klub holte damals völlig überraschend den Uefa- Cup. Und der Erfolg in Europa überdeckte das mittelmäßige Abschneiden in der Bundesliga. Am Ende der Saison wurde die Mannschaft Zwölfter. Als Stevens in jener Saison Nachfolger des entlassenen Jörg Berger geworden war, hatte Schalke auf Platz 13 gelegen. Fortschritt sieht anders aus.

Trotzdem ist die Saison 1996/97 als eine mythische im kollektiven Schalker Gedächtnis haften geblieben. Der Gewinn des Uefa- Cups war der Beginn eines Aufschwungs, und er hat Stevens’ Ruf als Erfolgstrainer begründet, der ihm letztlich auch das Engagement bei Hertha BSC eingebracht hat. Zwei Jahre nach dem Triumph im Uefa-Cup, als Schalke gegen den Abstieg spielte, wurde Stevens von den Fans des Vereins sogar zum „Trainer des Jahrhunderts“ gewählt.

In Schalke ist der Uefa-Cup seit 1997 alles andere als ein Wettbewerb für Verlierer. Anders als in Berlin sind die Heimspiele selbst dann ausverkauft, wenn sie zur Kaffeezeit angepfiffen werden, und Manager Rudi Assauer hat vor anderthalb Jahren ernsthaft darüber nachgedacht, statt in der Champions League im Uefa-Cup zu spielen. Der europäische Fußballverband hat das jedoch nicht erlaubt. In Berlin hingegen erinnert der Uefa- Cup vor allem an das eigene Versagen. Zweimal schied die Mannschaft zuletzt in der dritten Runde aus. „Die Vergangenheit ist nicht wichtig“, sagt Huub Stevens. Er meint Herthas Vergangenheit, nicht seine eigene.

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