Sport : Letzter Einsatz

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Von Richard Leipold

Gelsenkirchen. Die meisten Menschen neigen dazu, Erfolg oder Misserfolg zu personalisieren. Ein Fußballteam mag aus elf, dreizehn oder gar zwanzig Spielern bestehen, das Publikum verlangt nach herausragenden Persönlichkeiten, ohne die das Kollektiv gerade die Hälfte wert wäre. Der Fußballtrainer Huub Stevens kämpft mit aller Kraft gegen diese Theorie an, die immer mehr zur Praxis wird. „Es geht nicht um einzelne Personen, sondern immer nur um den Verein“, sagt er. Der Niederländer ist dieser Maxime bei Schalke 04 sechs Jahre treu geblieben, bis zum Sieg im Finale von Berlin. Jetzt wechselt er als Pokalsieger zu Hertha BSC.

War dieser Mann nicht eine Fehlbesetzung, als er im Oktober 1996 die Nachfolge Jörg Bergers antrat? Können bei Schalke nicht nur Trainer überleben, die sich zu schillernden Lieblingen der Massen eignen? Diese Fragen standen am Anfang. Doch Stevens hat Fans und Kritiker dazu gezwungen, dieses Vorurteil zu revidieren. Mit seiner auf das Wohl des Kollektivs ausgerichteten Philosophie des Fußballs hat er mitgeholfen, den einst chaotischen Klub zu verändern.

Stevens brachte den Schalkern bei, dass in der Branche Bundesliga ein Charakterkopf auf Dauer mehr verändern kann als die Zampanos, Gurus und die so genannten Motivationskünstler. Er hat länger durchgehalten als jeder andere Bundesligatrainer des Vereins. Beim Pokalfinale gegen Leverkusen saß er zum 238. Mal auf der Schalker Bank – ein Rekord, den so bald niemand erreichen dürfte.

In der Ära Stevens gewann Schalke den Uefa-Cup und den DFB-Pokal; der Niederländer führte die Mannschaft viermal in einen internationalen Wettbewerb, einmal sogar in die Champions League. Aber der sportliche Erfolg ist nur ein äußeres Zeichen dessen, was Stevens bewirkt hat. In den vergangenen sechs Jahren hat Schalkesich vom Arbeiterverein zum Wirtschaftskonzern entwickelt, der das modernste Stadion Europas besitzt und als seriöses Unternehmen wahrgenommen wird. Dennoch liegt es dem Trainer fern, sich feiern zu lassen. „Was in Schalke gewachsen ist, hat niemand ganz allein schaffen können“, sagt Stevens. „Vielleicht durfte ich meinen Teil dazu beitragen.“

Seinem Credo wider den Personenkult verpflichtet, spielt Stevens auch seinen Abschied als alltäglichen Vorgang herunter, mag der seit Monaten feststehende Wechsel zu Hertha BSC auch manche Irritation hervorgerufen haben. „Bei allen anderen Arbeitnehmern ist es doch ähnlich“, sagt Stevens, „sie arbeiten bis zum Kündigungstag und wechseln dann die Firma. Der Fußball macht da keine Ausnahme.“

Aber manchmal macht der Fußball doch eine Ausnahme, nicht nur bei rührseligen Abschiedszeremonien wie jüngst in der Arena Auf Schalke. Vor dem Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg bekam selbst der sonst so von Ratio geleitete Huub Stevens, den Mitarbeiter sogar als Macho beschreiben, feuchte Augen. 60 000 Menschen haben ihm vor einer Woche stehend applaudiert. Da musste er einfach weinen.

Genau genommen erscheint das gesamte Wirken von Huub Stevens in Gelsenkirchen wie eine einzige Ausnahme. Auch sein Verhältnis zu den Fans war ungewöhnlich. Manche von ihnen haben ihn nicht besonders gemocht, in Phasen des Misserfolgs zeitweise nicht einmal geachtet; und doch war er immer einer von ihnen, schon seiner Herkunft und seiner Vita wegen. Stevens stammt aus einem limburgischen Kohlerevier. „Da waren harte Männer“, erzählt er, „und wir sind es auch.“ Er meint sich, seine vier Brüder und den Vater, der noch unter Tage gearbeitet hat. Der starb, als Huub 17 Jahre alt war.

Da die älteren Brüder schon aus dem Haus waren, wurde Huub zum Familienvorstand berufen. So hat er früh gelernt, für andere verantwortlich zu sein. Vermutlich auch deshalb will er immer sichergehen, alles getan zu haben, was möglich ist. Stevens ist wie besessen von der Idee, den Dingen bis ins letzte Detail auf den Grund zu gehen. „Fußball ist eigentlich ganz einfach“, sagt er, „aber es gibt tausend Sachen zu beachten, das Einfache ist eben schwierig." Der Hang zum Perfektionismus hat auch Nachteile. Er macht Stevens zum Gefangenen seiner selbst.

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