Leverkusen : Nur beim Streiten ganz vorne

René Adler spricht nach dem 0:1 in Hannover Leverkusens Probleme an, Rudi Völler gefällt das nicht.

Frank Hellmann[Hannover]
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Wehrt Euch! Torwart René Adler beschwert sich über die Mitspieler. Foto: ddp

Wer René Adler mit sachlicher, aber deutlicher Stimme nach dem 0:1 bei Hannover 96 reden hörte, glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. In bester Oliver- Kahn-Manier, nur eine Tonlage überlegter, ging der deutsche Nationaltorwart auf seine Vorderleute los. „Jeder muss wissen, dass Fußball ein Männersport, ein Kampfspiel ist. Wenn’s läuft, spielen wir auf einer Welle. Wenn nicht, wehren wir uns nicht. Das fängt schon im Training an. Wir müssen uns zusammensetzen, sonst werden wir nach hinten durchgereicht“, kritisierte der 24-Jährige. „Bei uns hat sich ein gewisses Phlegma breitgemacht. Das Phänomen gibt es schon länger. Wir müssen jetzt in der Mannschaft die Karten auf den Tisch legen“, sagte Adler.

Die Medienvertreter hatten Mühe mitzuschreiben. In der Regel reicht es beim Leipziger Torhüter mitzuhören, weil er oft Belangloses von sich gibt, was für die Berichterstattung bedeutungslos ist. Aber diesmal? Machte sich Adler angreifbar. Denn wenige Minuten später setzte Rudi Völler noch vor der Kabine zum Konter an. Über die Aussagen seines Keepers, der zwar auf der Linie gut hielt, im Strafraum aber unsicher wirkte, zeigte sich der Sportchef von Bayer Leverkusen gar nicht erfreut. „René soll die Bälle festhalten – das ist oberstes Gebot“, sagte Völler. Der Tormann solle sich bitteschön an die eigene Nase fassen, „es sagt ja auch keiner was, wenn er unter den Flanken herläuft“. Und dann rüffelte der in Rage geratene Völler noch: „Mein guter Rat an den talentierten Nationaltorwart ist, an den Kameras und Mikrofonen vorbeizugehen.“ Schon in Skibbe-Zeiten hätten ihm einige Äußerungen des blonden Jungtorwarts nicht gefallen. „Es ist leicht, im Tor zu stehen und zu sagen: Rennt mal schön da vorne!“

Der fast kindische Disput zwischen Völler und Adler verdeutlicht Leverkusens neue Nervosität. Nach drei Rückrundenniederlagen sind alle Saisonziele in Gefahr, das DFB-Pokal-Viertelfinale am Mittwoch gegen Bayern München wird zum Schlüsselspiel. Völler verlangt den Halbfinaleinzug. Allerdings wird er auf Abwehrspieler Manuel Friedrich verzichten müssen, der sich in Hannover einen Außenmeniskusriss zugezogen hat und mehrere Wochen ausfällt.

Gemunkelt wird auch von einer noch sehr leisen Unzufriedenheit an der bislang so vorzüglichen Arbeit von Trainer Bruno Labbadia. Warum ist dessen Ensemble mit so formidablen Fußballern wie Renato Augusto nicht in der Lage, Widrigkeiten – wie am Samstag: ramponierter Rasen, schlechtes Wetter, aggressiver Gegner – zu trotzen? Warum lässt sich seine Elf nach einem abgefangenen Eckstoß in fünf Zügen auseinanderspielen wie beim 0:1 von Arnold Bruggink?

Labbadia analysierte den Niedergang sachlich. „Wir wissen um das Problem, dass wir eine junge Mannschaft haben, die vor allem über das Spielerische kommt“, sagte der 43-Jährige. Aber muss sie sich deshalb gleich dem Kampf verweigern? „Es ist kein Phlegma, sondern die Rädchen greifen nicht ineinander“, sagte er, „wir betreiben keinen intelligenten Aufwand.“ Der Fußballlehrer räumt ein, „dass der eine oder andere Typ fehlt.“ Sein Kader ist zwar fraglos talentiert, aber vielleicht sind zu viele Charaktere vom Schlage braver Schwiegersohn angestellt. Das war es wohl, was René Adler hatte ansprechen wollen. Nur wird er das in Zukunft nicht mehr tun dürfen.

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