Sport : Leverkusener doch keine Loser

Stefan Hermanns

Es ist nicht einfach, bei Reiner Calmund den Grad der Erregung an der Länge seiner Ausführungen abzulesen. Der Manager von Bayer Leverkusen redet immer viel, egal, ob die Zeiten gut sind oder schlecht. Am Samstagabend, auf dem Flughafen von Kiew, waren die Zeiten eher gut. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hatte gegen die Ukraine nicht verloren, und doch gewannen Calmunds Sätze immer mehr an Schärfe. Vielleicht, weil es nicht nur um die Nationalmannschaft ging, sondern auch um Bayer Leverkusen.

In Leverkusen gibt es eigentlich ebenfalls keinen Grund zu mieser Laune. Die Mannschaft ist in der Bundesliga noch ungeschlagen und steht zum ersten Mal in der Zwischenrunde der Champions League. Trotzdem hängt den Spielern des Klubs ein Image an, das sie sich in vielen Jahren unter ihrem Trainer Christoph Daum erarbeitet haben: Es mangele ihnen an Siegermentalität. Siehe Unterhaching 2000 und die vergebene Meisterschaft.

Es gibt Leute, die behaupten, dass die Leverkusener ihr Loser-Image auch bei der Nationalmannschaft ausgiebig zur Geltung bringen. Nach dem 0:0 gegen die Finnen wurden die Bayer-Spieler des kollektiven Versagens bezichtigt: Nowotny und Ramelow sind bestenfalls blass, Ballack spielt viel zu schnöselig und Neuville ist brav, also nicht unbedingt der Schrecken hünenhafter finnischer Abwehrspieler. "Da habe ich mich für die Spieler geärgert", sagte Calmund.

Nach dem Spiel gegen die Finnen wollte die Öffentlichkeit den blassen Ramelow durch Thorsten Fink ersetzt sehen. Der ist zwar nicht mehr der Jüngste, hat aber bei Bayern München wenigstens das Siegen gelernt. Gegen Finnland stand kein Feldspieler von Bayern München auf dem Platz. Da ist doch klar, warum die Deutschen nicht gewonnen haben: "Wenn die Bayern spielen, ist alles in Ordnung", sagte Calmund, "wenn die Leverkusener spielen, ist alles scheiße."

In Kiew standen wieder vier Leverkusener in der Anfangself, für den gesperrten Neuville spielte allerdings Bernd Schneider. "Die Leverkusener haben ordentlich gespielt", sagte Calmund. Das ist eine sehr bescheidene Einschätzung der eigenen Angestellten. Nowotny organisierte die Abwehr als klassischer Libero mit Umsicht. Ramelow blieb zwar unauffällig, auf seiner Position aber ist das schon Ausdruck einer ordentlichen Leistung. Ballack erzielte nicht nur den Ausgleich, sondern zeigte auch, dass er kein lustloser Fußball-Dandy sein möchte. Und Schneider war der beste Feldspieler.

Mit Schneider sei er "natürlich hoch zufrieden", sagte Teamchef Rudi Völler. Für Calmund war der Mittelfeldspieler sogar "der Dreh- und Angelpunkt" des deutschen Spiels. Schneider schlug die beiden Ecken, die in der ersten Hälfte mit zwei Lattentreffern eine kurze deutsche Sturm- und Drangperiode einleiteten, und Schneider, der Aufsteiger dieser Saison, war es auch, der den Ball per Freistoß so in den ukrainischen Strafraum beförderte, dass Michael Ballack das 1:1 erzielen konnte. Die neue Wertschätzung und die daraus resultierende Rückkehr in die Nationalelf, "das habe ich mir in langen Jahren hart erarbeitet", sagte Schneider.

Calmund könnte also zufrieden sein. Dennoch bleibt er gegen Vorwürfe gewappnet. Und verweist gern auf die Europameisterschaft vom vorigen Jahr, die als Tiefpunkt des deutschen Fußballs gilt. Da habe Neuville gar nicht zum Kader gehört, Ramelow nicht gespielt, Ballack nur wenig mehr als eine Halbzeit, und zwar "als rechter Außenverteidiger". Allein Nowotny war Stammspieler, und der konnte nach dem Debakel "als Einziger noch ohne Kapuze nach Hause fahren". Nach dem 1:1 gegen die Ukraine musste sich niemand tarnen oder verstecken. "Es hat keinen Ausfall gegeben", sagte Calmund. "Außer Zickler." Und der spielt bei Bayern München.

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