Sport : Licht im Schacht

Erzgebirge Aue trifft im DFB-Pokal auf den FC Bayern München

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Dem erfahrenen FC Bayern München dürfte der heutige Auftritt in der sächsischen Provinz neue Eindrücke von der Fußballwelt verschaffen. Im Stadion des Zweitligisten FC Erzgebirge Aue passieren ungewöhnliche Dinge. Auch der Fernsehzuschauer – das ZDF überträgt das Spiel der zweiten Pokalrunde live ab 20.30 Uhr – könnte leicht ins Grübeln geraten. Seit Tagen kennt die 19000 Einwohner zählende Stadt nur dieses Ereignis. Für die vielen Fans, die keine Karte bekommen haben, organisiert die Stadt eine Party mit Großbildleinwand. Auch hier werden die Absonderlichkeiten zu hören sein. Hier skandiert kein Fan den offiziellen Vereinsnamen. Alle brüllen im breitesten Sächsisch „Wismut Aue“, obwohl sich die Klubspitze vor 13 Jahren von der Vergangenheit trennte. Doch nirgendwo sonst im Osten wird so der Fußballtradition gehuldigt wie in Aue. „Wismut bleibt Wismut“, lautet das geflügelte Wort auf der an alte englische Stadien erinnernden Tribüne.

Der Name Wismut kommt aus dem Bergbau, und ein Großbetrieb unter dieser Bezeichnung hat jahrzehntelang die Geschicke im westlichen Erzgebirge bestimmt. Wismut heißt ein chemisches Element, das in Blei, Kupfer- und Zinnerzen vorkommt. Die sowjetische Besatzungsmacht tarnte damit aber ihren gigantischen Abbau von Uranerz für ihr Atomprogramm, dem im Erzgebirge mehrere Orte zum Opfer fielen. Obwohl Hunderte Bergleute an Silikose und Krebs erkrankten und starben, lassen die Auer bis heute nichts auf die „Heldentaten“ der Bergleute kommen. Zwar machte die letzte Grube 1990 dicht, aber das „Glück auf“ als Begrüßungsformel ist bis heute nicht wegzudenken.

In der Bergmannstradition liegt nicht zuletzt der derbe und laute Umgangston auf der Haupttribüne des Stadions begründet. Die Herren im meist gesetzten Alter machen mehr Rabatz als die Fans in der Kurve. Bisweilen gelten Schimpfworte und Pfiffe auch den eigenen Spielern. Doch auch völlig unbeteiligte Mannschaften und Städte bekommen ihr Fett weg. Aus heiterem Himmel brüllen die Zuschauer dann „Scheiß Chemnitz“, „Scheiß Zwickau“ und „Scheiß Dynamo“.

Die Erklärung für diese ungewöhnlichen Rufe liegt in der Geschichte des Vereins. Zwischen 1954 und 1963 mussten die Erzgebirgler unter dem Namen SC Wismut Karl-Marx-Stadt spielen. Erst ein angedrohter Streik von Bergleuten verhinderte den geplanten Umzug der Mannschaft von Aue nach Karl-Marx- Stadt. Dann wurde 1967 der FC Karl- Marx-Stadt geboren, der eine stärkere staatliche Förderung genoss als die nun zur Betriebssportgemeinschaft (BSG) degradierte Wismut Aue.

2003 ist Aue in die Zweite Liga aufgestiegen, während Chemnitz und Zwickau keine Rolle im Profifußball spielen. Die Strippen ziehen die Zwillinge Uwe und Helge Leonhardt. Ihre vor allem im Maschinenbau tätige Firmengruppe ist nicht nur Hauptsponsor des Teams. Uwe Leonhardt übernahm auch das Präsidentenamt. Die Bayern werden ihn heute nicht nur in dieser Funktion treffen, sondern auch als Gastgeber im Fünf-Sterne-Hotel „Schloss Wolfsbrunn“. Das Haus gehört ebenfalls zum Firmenverbund der Leonhardts.

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