Sport : Lichtblicke in Sennas Schatten

KARIN STURM

SAO PAULO .Ein riesiger, aufgeblasener Michael-Schumacher-Helm über einer Kreuzung auf dem Weg zur Rennstrecke von Interlagos, regelmäßige Vorberichterstattung im Fernsehen und groß angelegte Werbekampagnen rund um die Formel 1 - die Stimmung vor dem Brasilien-GP 1999 ist anders als in den letzten Jahren.Nach dem Tod des Nationalhelden Ayrton Senna 1994 spielte die Formel 1 in Brasilien keine größere Rolle mehr - mangels Erfolgsaussichten der eigenen Fahrer wandte sich das erfolgsverwöhnte brasilianische Publikum, das seit 1972 acht WM-Titel feiern konnte, zwei durch Emerson Fittipaldi, je drei durch Nelson Piquet und Senna, von der Szene ab.

Jetzt rechnet man sich wieder größere Chancen aus - mit Rubens Barrichello, der erstmals seit langem mit dem neuen Stewart Ford wieder ein konkurrenzfähiges Auto zur Verfügung zu haben scheint, mit dem jungen Newcomer Ricardo Zonta, der mit Jacques Villeneuve bei BAR gleich einen Top-Mann als Teamkollegen und Meßlatte hat - und auch mit Pedro-Paulo Diniz, der ja schon groß angekündigt hat, mit Sauber vor dem besten Jahr seiner Karriere zu stehen.

Auf den 22jährigen Ricardo Zonta richten sich bei seinem ersten Heimauftritt alle Blicke - ist er doch die neue große Hoffnung der Brasilianer, in absehbarer Zeit einen Nachfolger für Senna zu finden.Ein Vergleich, den Zonta überhaupt nicht gerne hört, weil er weiß, daß er nur zusätzlichen Druck bedeutet."Jeder muß seinen eigenen Weg gehen", sagt Ricardo, der 1995 südamerikanischer Formel-3-Meister war, 1997 F-3000-Champion und 1998 zusammen mit Klaus Ludwig GT-Weltmeister für Mercedes."Ich versuche, alles so perfekt wie möglich zu machen, da sollten dann die Ergebnisse ganz von allein kommen." Zonta ist für sein Alter sehr reif, sehr entschlossen, zielstrebig - und außergewöhnlich schnell sowieso.

Rubens Barrichello erlebt dagegen trotz seiner erst 26 Jahre schon seinen zweiten Frühling.Er galt 1993/94 schon einmal als der neue kommende Star, setzte sich dann aber mit seinem eigenen Ziel, Senna-Nachfolger zu werden, zu sehr unter Druck.Ergebnisse blieben aus, er war, vor allem in Brasilien selbst eigentlich schon abgeschrieben, doch jetzt mit dem neuen Stewart zeigt "Rubinho", daß doch noch mit ihm zu rechnen ist.Er glaubt auch, deutlich reifer und gefestigter geworden zu sein.Der Dritte im Bunde, Pedro-Paulo Diniz, mußte jahrelang gegen das Image ankämpfen, nur auf Grund des Geldes seines Vaters in der Formel 1 zu sein.Papa Abílio Diniz, als Chef der größten Supermarktkette Brasiliens, Pao de Acucafr, einer der reichsten Männer des Landes, war immer ein großer Förderer der Karriere seines Sohnes.Aber Pedro-Paulo hat sich auch, gerade in seinen Formel-1-Jahren, sehr gut entwickelt, machte zuletzt gegen Teamkollegen wie Damon Hill oder Mika Salo keine schlechte Figur.Bei Sauber hofft er nun auf den ersten Podiumsplatz in der Formel 1, er glaubt, daß er und das Auto "das Potential haben, wenn wir die Kleinigkeiten in den Griff bekommen."

Einige Jahre nach Sennas Tod macht sich also eine neue Generation auf, die Rennsport-Begeisterung im Land wieder zu erwecken.Warum Brasilien immer wieder Spitzenrennfahrer hervorbringt, dafür hatte Senna, der vor kurzem von den Lesern der Wochenzeitung "Isto é", etwa dem "Spiegel" vergleichbar, zum brasilianischen Sportler des Jahrhunderts gewählt wurde - noch vor Fußball-Weltstar Pélé, eine Erklärung: "Wer sich als Brasilianer auf den Weg in die Formel 1 macht, muß einiges auf sich nehmen.Den Weg nach Europa, schon sehr früh, die Trennung von Familie und Freunden, eine fremde Umgebung, fremde Sprache.Dazu braucht man schon einen sehr starken Willen, viel Entschlossenheit, dieses Ziel auch wirklich zu erreichen.Wer sich dann entscheidet, es trotzdem zu tun, der hat diesen Willen, dieses Durchsetzungsvermögen, es auch wirklich ganz nach oben zu schaffen."

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