Sport : Lichtenrade erobert die Welt

Der Berliner Sebastian Rieschick ist die große Hoffnung des deutschen Tennis

Frank Bachner

Berlin. Auf der Tribüne hat gestern auch Patrik Kühnen gesessen. Sebastian Rieschick war überrascht, als er ihn sah. Keiner hatte ihm gesagt, dass der Kapitän der deutschen Tennis-Daviscup-Auswahl beobachten würde, wie sich Rieschick gegen den Australier Thomas Habsuba behaupten würde. Der Berliner gewann 6:2, 7:5, er hatte nicht wirklich große Probleme in der ersten Runde des Junioren-Turniers bei den Australian Open. Rieschick hätte gerne ein wenig mit Kühnen geplaudert. Es wäre sein erstes Fachgespräch mit ihm gewesen. „Ich habe mit ihm noch nie über Tennis gesprochen. Aber ich habe ohnehin so gut wie nie mit ihm geredet“, sagt Rieschick. Doch nach dem Matchball war Kühnen schon weg.

Vielleicht ist diese Distanz normal bei einem Junioren-Spieler wie Rieschick. Andererseits hatte Kühnen bei den Australian Open verkündet, „dass Sebastian eine große Hoffnung ist“. Und Kühnen konnte ja nur Rieschick beobachten, weil die deutschen Profis frühzeitig aus dem Turnier geflogen sind. So gesehen hätte die Nummer eins der Junioren-Weltrangliste durchaus ein paar Worte verdient gehabt. Seit 1. Januar nämlich ist Sebastian Rieschick vom TC Lichtenrade der weltbeste Juniorenspieler. Der 17-Jährige gewann 2003 hochkarätige Turniere in Frankfurt, Essen und Miami, „dann war klar, dass ich die Nummer eins werde“. Ein steiler Aufstieg für einen, der vor zwei Jahren noch die Nummer 247 der Weltrangliste war. Rainer Schadenberg vom Berliner Tennisverband freilich ist nicht überrascht. „Er ist total locker, das ist seine Stärke.“ Schadenberg hat ihn mal bei einem Turnier beobachtet. „Er lag 5:7, 2:5 zurück. Es stand 0:40. Da sagte er lautstark: ,Jetzt schlag ich vier Asse.’ Und dann schlug er so hart auf die Linie, dass im Sand eigentlich kleine Krater hätten sein müssen.“ Rieschick gewann das Match.

Vor 18 Monaten bot ihm der Deutsche Tennis Bund einen Platz am Bundesstützpunkt Hannover an. Drei Stunden lang debattierte die Familie Rieschick am Küchentisch. Der Vater sagt, er mache alles für seinen Sohn. Aber Wolfram Rieschick sagt auch, dass er „viele Fragen gehabt hätte, wenn Sebastian auf einen Schulabschluss verzichtet hätte“. Hat er nicht. Der Sohn hat nun Realschulabschluss, er arbeitet am Sportgymnasium Hohenschönhausen aufs Abitur zu. Aber er ging auch nach Hannover. Mit der Schule ist er per E-Mail und Telefon verbunden.

Ohnehin wirkt er eher wie ein vorsichtiger Gymnasiast, der in die Tennisszene geraten ist, als ein brennend ehrgeiziger Sportler, der die Schule als lästiges Beiwerk betrachtet. Den Aufstieg zur Nummer eins hätte er Silvester 2003 mit einer großen Sause feiern können. Aber Rieschick „feierte ganz normal“. Ziele, Träume? „Ich will mal bei den Grand Slams mitspielen.“ Das klingt natürlich erst mal vernünftig. Irgendwelche Hoffnungsträger, die schnell verschwanden, hat es oft genug gegeben im deutschen Tennis.

Aber bei Rieschick hat man das Gefühl, dass sich da einer selber genügt, so lange er nur locker bleibt. Kühnen hält Distanz, der Top-Ten-Spieler Rainer Schüttler beachtet ihn nicht, Nicolas Kiefer begrüßt ihn nur deshalb mit Handschlag, weil der Topspieler ab und zu in Hannover mit dem 17-Jährigen trainiert. Rieschick macht nicht den Eindruck, als ob ihn das irgendwie störe. Und dass er jetzt von Kühnen als neuer Hoffnungsträger von Deutschland gehandelt werde, „davon habe ich noch nichts gehört“.

In Berlin, sagt Wolfram Rieschick, der Vater, liege das Angebot eines Vermarkters vor. Aber „wir müssen erst mal sehen, ob sich Sebastian durchsetzt“, sagt Wolfram Rieschick. Der Sohn muss erst mal ein anderes Problem lösen. Am Mittwoch spielt er gegen einen Slowenen, „dessen Name ich nicht aussprechen kann“. Der Mann heißt Grega Zemlja. Aber es genügt ja, wenn er ihn besiegt.

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