Sport : Liebe und Leibeigenschaft

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Von Helen Ruwald

Berlin. Eine knifflige Sache wird das: Wenn Marc Politze schlecht spielt und die Bälle nur an die Latte knallt, darf er wohl bald in der Wasserball-Champions-League spielen. Brilliert und trifft er, wird sein Team Waspo Hannover Deutscher Meister – und Politze muss auf die Champions-League verzichten. Der 24-jährige Nationalspieler wechselt nach den Finalspielen zu den Wasserfreunden Spandau 04, Waspos Gegner im Finale. Verhindert Politze, dass sein künftiger Verein den neunten Meistertitel in Folge holt, würde gegen Europas Topteams sein Noch-Klub Hannover spielen. Ohne ihn.

Damit es so kommt, muss Waspo am Freitag vor eigenem Publikum das vierte Finalspiel gegen Pokalsieger Spandau gewinnen, um in der Serie zum 2:2 auszugleichen. Die Entscheidung würde in Spiel Nummer fünf am Sonntag (15 Uhr) im Forumbad fallen. Hannover muss beide Spiele gewinnen, Spandau nur eins, dennoch sagt Politze: „Wir haben nichts zu verlieren. Es gehen doch alle davon aus, dass wir nur Zweiter werden. Wenn wir in Führung gehen, fängt Spandau an zu zittern.“ Dann nämlich, glaubt er, würden die Berliner an das Vorjahr denken, als sie mit 2:0-Siegen gegen Waspo führten – und erst im fünften Spiel in der Verlängerung Meister wurden.

Diesmal war die Meisterfeier eigentlich für vergangenen Sonntag geplant. Wieder führte Spandau 2:0, ein Heimsieg hätte den Titel bedeutet. Doch Politze warf drei Tore und Hannover zum 7:5-Erfolg. Es würde passen zur Posse um Politze, wenn der Bundesliga-Torschützenkönig und Wasserballer des Jahres 2001 zum entscheidenden Mann bei der Titelvergabe würde. Die Hauptrollen in dem Schauspiel, das seit Wochen gegeben wird, sind mit Waspos Trainer Bernd Seidensticker und Spandaus Präsident Hagen Stamm besetzt. Weil Stamm zugleich Bundestrainer ist, attackiert ihn Seidensticker wegen Politzes Wechsel. Stamm müsse „als Bundestrainer neutral sein“ oder gehen. Er dürfe keine Spieler abwerben und möglicherweise gar die Nationalmannschaft als Druckmittel einsetzen. „Wir sind aus dem Zeitalter der Leibeigenschaft raus“, kontert Stamm, „Hannover kann Spandau nur gefährlich werden, wenn die Mannschaft extrem motiviert ist. Dafür braucht Seidensticker ein Feindbild.“ Was sich auch deshalb gut aufbauen lässt, weil Politze mit Stamms Tochter liiert ist. Lässt sich ja gut ausmalen, wie der Wirtschafts-Student beim Sonntagskaffee bei Familie Stamm saß und irgendwann der Vertrag am Erdbeerkuchen vorbei über den Tisch geschoben wurde.

Schon vor ein, zwei Jahren habe Spandau ihn angesprochen, sagt Politze, da habe er noch bei Waspo bleiben wollen. „In diesem Frühjahr habe ich bei Spandau angefragt. Das ging von mir aus.“ Die Freundin ist das eine, das professionellere Umfeld in Berlin das andere. Zu Europapokalspielen werde geflogen, der Klub habe einen eigenen Physiotherapeuten, „das ist in Hannover nicht so“. Weil sich eine Uni-Klausur nicht verlegen ließ, verpasste Politze die WM 2001. In Berlin hofft er auf verständnisvollere Dozenten. Dass er sich mit Toren gegen Spandau um die Champions League bringen könnte, stört Politze nicht. „Ich will lieber Meister werden und mit Spandau im Europapokal der Pokalsieger antreten. In der Champions League kann ich ja im Jahr drauf spielen.“ Wenn er wieder Meister geworden ist. Mit Spandau.

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