Sport : Lieber Schweiz als Bundesliga

Handball-Talent Dissinger trifft heute auf die Füchse.

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Prinz auf Halblinks. Christian Dissinger ist das größte deutsche Talent. Foto: dpa
Prinz auf Halblinks. Christian Dissinger ist das größte deutsche Talent. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Berlin - Die Telefonate sind schon zur Gewohnheit geworden, erst neulich hat Martin Heuberger wieder angerufen. Der Handball-Bundestrainer erkundigte sich nach dem generellen Zustand der Zufriedenheit seines Klienten. „Wir stehen in regelmäßigem Kontakt“, sagt Christian Dissinger, „dabei sprechen wir gar nicht unbedingt über Sport, sondern eher über persönliche Dinge.“ Obwohl Dissinger noch kein Länderspiel für die A-Mannschaft des Deutschen Handball-Bundes (DHB) bestritten hat, ist die Botschaft eindeutig: Martin Heuberger setzt auf den 21-Jährigen, früher oder später wird er ihm eine Chance geben. Vermutlich sogar ziemlich bald, weil der Bundestrainer sein Team seit Amtsantritt ohnehin konsequent verjüngt. Und weil der 2,02-Meter-Mann, der mit den Kadetten Schaffhausen heute zum Champions-League-Spiel bei den Füchsen Berlin zu Gast ist (19.00 Max-Schmeling-Halle/live bei Eurosport), eine der aktuell spannendsten Personalien im deutschen Handball ist. Wegen seines Talents und seiner Geschichte.

Christian Dissinger, Jahrgang 1991, geboren in Ludwigshafen, ist im Sommer 2011 nach Schaffhausen gewechselt, in die Swiss Handball League. Das ist in etwa so, als hätte Mario Götze die Fußball-Bundesliga verlassen, um in der slowenischen Liga anzuheuern. Klar, die Kadetten waren soeben zum zweiten Mal in Folge Landesmeister geworden. Aber Handball? In der Schweiz? Statt der Bundesliga, der vermeintlich stärksten der Welt? „Manche haben mich bestimmt für verrückt gehalten“, sagt Dissinger. Zumal die Bundesligisten Schlange bei ihm standen. Wenige Tage nach seiner Vertragsunterschrift in der Schweiz wurde den unterlegenen Interessenten noch einmal vor Augen geführt, welch begabter Spieler ihnen da gerade abgesagt hatte. Dissinger führte die deutsche U 21-Auswahl in Griechenland zum WM-Titel, er wurde als wertvollster Spieler des Turniers ausgezeichnet. „Wir hatten Christian zu diesem Zeitpunkt schon sehr lange auf dem Radar“, sagt Schaffhausens Manager Peter Leutwyler. „Mir war klar: Er ist der kommende deutsche Nationalspieler auf Rückraum links.“ Der Königsposition im Handball.

Wieso also der Wechsel in die Schweiz? Dissingers damaliger Verein, die TSG Friesenheim, war 2011 aus der Bundesliga abgestiegen. Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit, schließlich gab es ja andere Angebote aus der Bundesliga. Dissinger begründet seine Entscheidung so: „Ich wollte mich im Ausland weiterentwickeln, also auch persönlich. Vor allem aber wollte ich spielen – und zwar international.“ Eine Problematik, die im Verbands-Deutsch unter den Begriff „Anschlussförderung“ fällt und den DHB seit Jahren beschäftigt: Nachweislich gute Junioren-Spieler schaffen in Deutschland selten den erfolgreichen Übergang zum Stammspieler im Klub. Weil die meisten Bundesligisten mehrheitlich gestandene ausländische Profis beschäftigen, stagniert der DHB-Nachwuchs ob fehlender Einsatzzeiten.

Obwohl ein Jahr hinter ihm liegt, das er aus sportlicher Sicht am liebsten vergessen würde, hat es Dissinger so gesehen ganz gut erwischt. Nach einem Kreuzbandriss im September 2011 ist er auf dem Weg zurück zu alter Form. „Im Moment kann ich vielleicht 80 bis 85 Prozent meines Leistungsvermögens abrufen“, sagt er. Viel wichtiger als persönliche Prozentpunkte findet Dissinger allerdings, „dass hier in der Schweiz die Perspektive stimmt“. Obwohl die Kadetten im Moment nur den sechsten Platz in der Liga belegen, ist er zufrieden. „Ich fühle mich wohl, ich spiele – und ich spiele Champions League“, sagt er. Heute also gegen die Füchse. Das erste Pflichtspiel auf deutschem Boden seit eineinhalb Jahren ist zugleich ein indirektes Duell mit dem Mann, der sich unter Martin Heuberger auf Dissingers Position im halblinken Rückraum eingespielt hat, nämlich mit Sven-Sören Christophersen von den Füchsen.

Heuberger wird genau hinsehen. Die Telefonische Auswertung erfolgt bestimmt. Christoph Dach

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