Sport : "Lieber Volker ..."

Frank Schneller

Der Absender des Briefes, den Volker Zerbe neulich aus seinem Postkasten holte, ließ den ehemaligen Handballnationalspieler des TBV Lemgo regelrecht zusammenzucken: "Joachim Deckarm" stand auf dem Kuvert. Bei Bundestrainer Heiner Brand hatten die Zeilen glänzende Augen zur Folge. Könnten sie doch dazu beitragen, dass Brandt zur Europameisterschaft im kommenden Februar tatsächlich mit der besten Mannschaft reist, also auch mit dem Lemgoer Volker Zerbe. Den bat der mittlerweile 47 Jahre alte Deckarm in seinem Brief nämlich inständig um ein Comeback in der Nationalmannschaft.

Joachim Deckarm war einmal der beste Handballspieler der Welt. Im März des Jahres 1979 zog er sich in einem Europapokalspiel seines VfL Gummersbach im ungarischen Tatabanya nach einem Zusammenprall mit einem gegnerischen Spieler bei einem unglücklichen Sturz auf den harten Boden schwere Kopfverletzungen zu, lag wochenlang im Koma und ist heute immer noch hilfebedürftig, "aber Handball ist immer noch meine Welt". Deshalb der Brief an Zerbe. "Lieber Volker", schrieb Deckarm. "Ich bin der Meinung, wir brauchen dich. Trotz des Gewinns des Supercups hat man sehen können, dass in der Abwehr und vor allem im Angriff ein Linkshänder deines Formats fehlt."

Deckarm hatte die deutsche Nationalmannschaft 1978 in Kopenhagen zum Weltmeistertitel geführt. Heute lebt er in Saarbrücken, besucht regelmäßig Handballspiele und wird, wo immer er auftaucht, mit Ovationen begrüßt. Dabei ist es nicht so, dass der damals erst nach 131 Tagen aus dem Koma erwachte Deckarm zu viel Zeit hätte. Jeden Tag kämpft er gegen die Folgen seiner schweren Kopfverletzungen von einst und für ein Leben, das "so normal wie möglich" sein soll. Wer ihm angesichts seiner Behinderung Mitleid statt Respekt entgegenbringt, macht sich bei Deckarm unbeliebt. Wer von ihm beim Schachspiel vorgeführt wird, kann nachvollziehen, warum. "Ich will keine Sonderbehandlung, sondern so eigenständig leben wie möglich", sagt er langsam, aber laut und so bestimmend, dass man seinen Willen beinahe greifen kann.

So ganz normal ist sein Alltag freilich nicht. Deckarm absolviert in jedem Jahr mehrere Kuren, die man getrost als Trainingslager bezeichnen kann. Dazu stehen Schwimmen, Radfahren, Gymnastik, Kraftübungen und Schreibübungen an seinem Spezialrechner auf dem Programm. Dabei offenbart er trotz unterschiedlicher Tagesformen und Launen einen Ehrgeiz und eine Unnachgiebigkeit, wie man sie nur bei Hochleistungssportlern beobachten kann - oder eben bei Menschen, die sich nach schwerer Krankheit nicht in ihr Schicksal ergeben: "Ich will, ich kann, ich muss", lautet das Motto Deckarms jeden Morgen. "Stillstand ist Rückschritt". Demnächst wird sich Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der Star unter Deutschlands VIP- und Sportärzten, mit ihm und der Frage beschäftigen, wie man eine Stagnation der gesundheitlichen Entwicklung Deckarms verhindern kann.

Zur Lebensphilosophie des Joachim Deckarm gehört jedoch, dass er lieber Hilfe leistet denn in Anspruch nimmt. Wie im Falle Volker Zerbes für "meinen besten Freund Heiner Brand". Ohne den ehemalige Gummersbacher Teamkameraden vorher davon zu informieren, hatte er Zerbe nach Ostwestfalen geschrieben: "Mit dir würde eine Lemgoer Achse stehen. Daniel Stephan, Markus Baur, Volker Zerbe, Christian Schwarzer, Florian Kehrmann - da werden Erinnerungen in mir wach, wie es zu meiner Zeit mit der Blockbildung VfL Gummersbach/TV Großwallstadt war." Er wisse zwar, "dass es heute viel schwieriger ist, Familie, Beruf und die Verpflichtungen im Verein unter einen Hut zu bringen als zu meiner aktiven Zeit in der Nationalmannschaft". Dennoch hoffe er, mit seinem Brief zu einem Sinneswandel Zerbes beizutragen und ihn "bei der Europameisterschaft im deutschen Team wieder zu sehen".

Deckarms Wünsche könnten sich erfüllen. Volker Zerbe, das wurde mittlerweile bekannt, überdenkt zur Zeit tatsächlich ein erneutes Comeback in der Nationalmannschaft. Deckarms Brief habe ihn sehr bewegt, gibt Zerbe zu.

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