Sport : Liebling Juri

Michael Rosentritt

über das Problem des FC Hansa Rostock Eigentlich mochte Juri Schlünz aus zwei Gründen nie Cheftrainer beim FC Hansa Rostock werden. Weil er nicht wollte, dass die Fans einmal „Schlünz raus!“ rufen. Und weil er es sich nie verzeihen würde, wenn ausgerechnet er – die treueste Seele des Vereins – es wäre, der als Trainer den Abstieg zu verantworten hat. Worum geht es also?

Der FC Hansa ist Letzter. Dahinter kommt nichts mehr in der Tabelle. Trotzdem rufen die Fans nicht „Schlünz raus!“, sondern malen Plakate, auf denen steht: „Wenn Juri geht, gehen wir auch!“

Zuletzt war Hansa vor einem Jahr Letzter. Schlünz hat damals auf Bitten des Vereins und der Fans den Posten des Cheftrainers übernommen; er führte die Mannschaft am Ende der Saison auf Rang neun, sechs Plätze entfernt vom Abstieg. Das zeigte, dass er es kann. Damals.

Heute ist die Situation anders. Während vier Niederlagen in Serie und eine ohne Vertrauen in die Zukunft spielende Mannschaft anderswo heftige Trainerdiskussionen auslösen, schweißt die Krise die Menschen beim FC Hansa noch enger zusammen. Mittlerweile sind sie so eng aneinander geschweißt, dass ihnen jeglicher Handlungsspielraum abhanden gekommen ist. Sie sind gefangen in einer Lethargie und in ihrer Solidarität zum Publikumsliebling Schlünz. Niemand, weder Vereinsführung, Mannschaft noch die Fans wollen ihren Trainer verlieren. Sie können schon deshalb nicht mehr emotionslos darüber nachdenken, was in dieser Situation für den Verein das Beste ist. Der Einzige, der das vielleicht noch kann ist – Juri Schlünz.Seite 23

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