Ligapokal : Die Wucht der Mitte

Der neue FC Bayern München beeindruckt im Ligapokal beim 4:1 über Werder Bremen durch Offensivkraft. Miroslav Klose setzte seinen Selbstfindungsprozess der vergangenen Saison fort.

Stefan Hermanns[Düsseldorf]
Bayern Foto: ddp
Altintop, Schweinsteiger und van Bommel überzeugen im Münchner Mittelfeld. -Foto: ddp

Fußball ist ein taktisches Spiel, und am besten ist das zu beobachten, wenn das Spiel zu Ende ist. Wie in vielen Disziplinen haben die Bayern es auch in dieser zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Wenn man vom Gefühlsmenschen Uli Hoeneß euphorische Reaktionen erwartet, gibt er sich oft mürrisch – oder umgekehrt. So war es auch am Samstag in Düsseldorf nach dem beeindruckenden 4:1-Sieg des FC Bayern München im Ligapokal gegen Werder Bremen. „Wir wissen schon, dass wir eine gute Mannschaft haben“, sagte der Manager des Rekordmeisters, „aber es wird sicher noch eine Zeit dauern, bis die Automatismen alle funktionieren.“ Uli Hoeneß wirkte sehr zurückgenommen, wo er doch bis in den letzten Nervenstrang euphorisch hätte sein müssen.

Dass auch Ottmar Hitzfeld die Taktik der richtigen Worte beherrscht, bewies Bayerns Trainer beim Umgang mit seinem neuen Stürmer Miroslav Klose. „Er war einer der Besten heute und an allen Toren beteiligt“, sagte Hitzfeld, was in beiden Fällen ein bisschen geflunkert war. Aber wie kein Zweiter benötigt der scheue Klose solche Zeichen der Zuneigung, vor allem nach dem vergangenen Halbjahr. Die Bayern jedenfalls sind entschlossen, alles aufzubieten, um den sensiblen Stürmer wieder aufzurichten – auch wenn das wohl noch ein bisschen dauern wird. Gegen seinen ehemaligen Klub setzte Klose seinen Selbstfindungsprozess aus der vergangenen Saison fort, in der ersten Halbzeit kam er auf ganze zehn Ballkontakte. Allerdings war der Stürmer auch das Opfer eines improvisierten Spielsystems geworden, das am Ende die Überlegenheit der Bayern begründete.

Weil Kloses Sturmpartner Luca Toni verletzt ausfiel und sich in Bayerns aufgerüstetem Kader kein gesunder und bundesligatauglicher Angreifer mehr befindet, bot Hitzfeld Klose als einzige Spitze vor einem Fünfer-Mittelfeld auf. Und es war bemerkenswert, mit welcher Dominanz dieses Mittelfeld der Bayern nach einer kurzen Orientierungsphase das Geschehen bestimmte; welche Präsenz Mark van Bommel, Zé Roberto, Hamit Altintop, Bastian Schweinsteiger und Frank Ribéry ausstrahlten. Aus der Mitte entsprang die Wucht.

„Wenn man sieht, welche Qualitäten wir haben, und wenn wir die umsetzen, kommt so ein Ergebnis raus“, sagte Altintop, der unspektakulärste Name unter all den Neuen bei den Bayern. Ausgerechnet dem ehemaligen Schalker aber hat Manager Hoeneß eine große Saison vorhergesagt, und das Spiel gegen die Bremer deutete an, dass er mit seiner Prophezeiung recht behalten könnte: Vielleicht wird Altintop tatsächlich so etwas wie der neue Hasan Salihamidzic – stets ein wenig unterschätzt, aber eminent wichtig für das Funktionieren der Mannschaft. Andererseits fällt mit der Rückkehr des Italieners Toni ein Platz im Mittelfeld weg, und Altintop ist von seiner Reputation her erster Streichkandidat.

Der Kaufrausch der Bayern in diesem Sommer ist oft als eine Art Light-Version der Galacticos-Verirrung bei Real Madrid gewertet worden. Wie die Spanier haben auch die Münchner ausschließlich Offensivspieler verpflichtet, von denen sie sich eine Ausweitung des Spektakels erhoffen. Doch das muss nicht zwangsläufig zum gleichen dürftigen Resultat führen wie bei Real. Bayerns Auftritt gegen Werder bewies, dass viele Individualisten auch ein funktionierendes Team formen können, wenn der verantwortliche Trainer einen Plan verfolgt. „Es gab einige Ansätze, die einen zufriedenstellen“, sagte Manager Hoeneß. „Das Spiel ohne Ball, die Direktpässe, die Passagen – die waren schon sehr ansehnlich.“

Dass die Bayern auf eine Verstärkung ihrer Abwehr verzichtet haben, wurde bisher als großes Versäumnis ihrer Transferpolitik angesehen. Gegen Bremen aber zeigte sich, wie die Münchner ihre Defensivschwächen anzugehen gedenken: mit einer offensiven Vorwärtsverteidigung. Neben den ersten zehn Minuten des Spiels, in denen Werder nach einem Fehler des Münchner Innenverteidigers Lucio in Führung ging, waren es die Zuwiderhandlungen gegen dieses Prinzip, die Hitzfeld bemängelte. Es habe einige Phasen gegeben, in denen die Abwehr zu tief gestanden habe. „Wir müssen noch aggressiver aufrücken“, sagte Hitzfeld.

Über weite Strecken aber funktionierte das nahezu perfekt. Werders Behelfsmittelfeld (ohne Diego und Neuzugang Carlos Alberto) kapitulierte vor der Entschlossenheit der Bayern. „Du siehst auf dem Platz, dass wir Spaß haben“, sagte Mark van Bommel. „Aber das Spiel von heute gibt keine Garantie für die Bundesliga und den DFB-Pokal.“ Das stimmt, doch zumindest im Ligapokal dürfen sich die Bayern jetzt als großer Favorit fühlen.

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