Lindsay Davenport : "Manche dachten, ich sei verrückt"

Die ehemalige Tennis-Weltranglistenerste Lindsay Davenport spricht mit dem Tagesspiegel über die Herausforderungen des Mutterdaseins im Profisport.

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Lindsay Davenport, 33, führte 98 Wochen die Tennis-Weltrangliste an. Nur drei Monate nach der Geburt ihres Sohnes Jagger gewann...AFP

Frau Davenport, Sie treten am Sonntag in Seeburg bei Berlin zu einem Showkampf gegen Martina Hingis an. Heißt das, wir können uns auf weitere Comebacks im Tennis einstellen?



Mein großes Ziel für dieses Wochenende ist es, Martina da hineinzuquatschen. Im Ernst, ich weiß es noch nicht. Es hat mir großen Spaß gemacht, mich auf dieses Match vorzubereiten, es hat mich motiviert, wieder trainieren zu gehen. Aber ich habe nicht viele Bälle geschlagen seit der Geburt meiner Tochter. Mein einziges Ziel ist es erst mal, am Sonntag ein gutes Spiel abzuliefern.

Kim Clijsters hat durch einen Showkampf in Wimbledon wieder Lust bekommen, Tennis zu spielen. Sie hat bei den US Open als erste Mutter seit 1980 ein Grand- Slam-Turnier gewonnen und gehört auch bei den Australian Open, die am Montag beginnen, zu den Favoritinnen.

Oh, das ist ein großer Unterschied, denn sie ist viel jünger als ich. Wenn ich wieder spiele, dann wären das nur einige ausgewählte Events und das wirklich nur zum Spaß. Ich bin 33 und habe zwei Kinder, da kann ich niemals wieder Vollzeit spielen. Ich bin unglaublich ausgefüllt zu Hause. Aber dann denke ich manchmal: Es wäre toll, wenn ich für meine Tochter ein oder zwei Turniere spielen könnte, denn ich habe es ja auch nach der Geburt meines Sohnes getan.

Das war 2007, da war Ihr Sohn nur drei Monate alt. Clijsters sagt, sie hätte sich an Sie gewendet und gefragt, wie man als Mutter auf der Tennistour antreten kann. Was für Tipps konnten Sie ihr geben?

Ach, das waren überwiegend praktische Tipps für die Turniere. Ich habe ihr Mut gemacht. Ich war mir sicher, dass sie es schaffen kann. Sie hat den Vorteil, dass ihr Mann die ganze Zeit mit ihr reisen kann. Das hilft.

Sie konnten sich damals keine Ratschläge holen. Während Ihrer ersten Schwangerschaft hatten Sie auch gesagt, Sie könnten sich nicht vorstellen, je wieder Tennis zu spielen. Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?

Ich habe das erst entschieden, als ich im siebten Monat schwanger war. Vorher hatte ich wirklich gedacht: Das war’s. Und dann wollte ich es doch noch einmal versuchen. Ich habe gemerkt, dass es mir fehlt und ich vielleicht nach der Geburt doch wieder Lust bekommen könnte. Es kam einfach alles so zusammen und auf einmal war ich viel früher in Form, als ich gedacht hatte.

Ist der Profisport überhaupt auf die Bedürfnisse einer Mutter eingestellt?

Ich kann ja nur über die WTA sprechen und die war großartig. Sie haben ihr Möglichstes getan, um mir zu helfen. Auf der Männertour sind sie aber viel mehr daran gewöhnt, da gibt es bei vielen Turnieren Spielecken für Kinder und Babysitter und solche Dinge. Auf der Frauentour passiert das nicht so oft. Aber vielleicht gibt es ja jetzt durch Kim nach und nach mehr Angebote, Müttern zu helfen.

Mütter im Sport sind tatsächlich die Ausnahme. Glauben Sie, wenn die Bedingungen besser wären, gäbe es auch mehr, die es versuchen würden?

Ich denke schon. Während meiner Karriere hatte es niemand wirklich probiert. Also war mein Eindruck natürlich auch: erst Tennis, dann Kinder. Dann bin ich aber zu der Entscheidung gekommen, dass ich noch immer spielen möchte. Und jetzt durch Kim und vielleicht noch ein paar andere werden sich die Spielerinnen vielleicht dieser Möglichkeit öffnen. Aber es ist hart, wenn du dir nicht wie ich die Turniere aussuchen kannst, sondern 30 Wochen im Jahr spielen musst.

Wie haben Sie das alles organisiert?

Es war sehr hart. Oft ist meine Mutter mitgekommen, ansonsten war das Kindermädchen dabei. Auch mein Mann ist mitgekommen, wenn er konnte. Ich bin früher meist nur mit meinem Coach gereist – und auf einmal waren da vier oder fünf von uns. Das ist eine große logistische Leistung, um die Welt zu reisen, eine Mutter und eine Athletin zu sein und all die Rollen auszufüllen. Das tägliche Kümmern und Sich-Sorgen-machen und dabei noch Tennis zu spielen und gesund zu leben, Medien- und Sponsorentermine wahrzunehmen, das sind viele Dinge, die man unter einen Hut bringen muss.

Hatten Sie Ihren Sohn denn immer dabei?

Ja, er kam überall mit hin – bis er etwas über ein Jahr alt war. Es ist viel einfacher, mit einem sehr kleinen Kind zu reisen. Mit jedem Monat wird es schwieriger, die Kinder aus ihrer gewohnten Umgebung zu reißen. Heute ist mein Sohn so aufgedreht, da will ich ihn lieber nicht mehr mit ins Flugzeug nehmen.

Verändert sich die Einstellung auf dem Platz, wenn man Mutter ist?

Am Anfang war ich auf jeden Fall entspannter. Ich war einfach nur glücklich, weil ich wieder spielen konnte und weil ich dieses großartige Kind hatte. Aber nach ein paar Turnieren ist wieder alles wie vorher: Oh Mist, ich habe diesen Schlag verhauen! Man kommt zurück in diese alte Philosophie. Aber wenn ich vom Platz kam, war natürlich alles ganz anders als früher. Man kann sich nicht lange mit dem Ärger über eine Niederlage aufhalten.

Haben Sie auf Turnieren schlechter gespielt, wenn es Ihrem Sohn nicht gut ging?

Zum Glück war er ein recht einfaches Kind. Aber natürlich ist man als Mutter immer besorgt – gerade als er älter wurde, hat es mich immer mehr beeinflusst. Dann habe ich ihn nicht mehr so viel mitgenommen.

Wie passt das überhaupt zusammen: die liebevolle Mutter und die aggressive Sportlerin mit dem Killerinstinkt, für die nur der Sieg zählen darf?

Ich habe darüber nie zu viel nachgedacht. Ich denke, es wechselte automatisch, wenn ich vom Platz kam. Ich habe immer versucht, das klar zu trennen.

Haben die anderen Spielerinnen sich Ihnen gegenüber anders verhalten?

Manche dachten, ich sei verrückt. Andere waren unglaublich herzlich und haben sich gefreut, dass ich zurückkam. Viele Mütter von Spielerinnen, aber auch die älteren Spielerinnen, waren großartig. Was die Teenager angeht, ich glaube, die verstehen das einfach nicht. Das ist ein komplett anderes Leben. Aber ich habe nie negative Reaktionen bekommen.

Sehen Sie sich selbst als Vorbild?

Es würde mich freuen, zu helfen. Aber Kim wäre sicher das bessere Vorbild, denn sie hatte ja viel mehr Erfolg, seit sie zurück ist.

Wie lange wird die Mutter Clijsters noch so erfolgreich spielen können?

Jada ist erst zwei, also hat Kim vermutlich noch ein paar Jahre. Außerdem spielt sie nur etwa 13 Turniere pro Jahr, da hat sie genügend Pausen, um ein halbwegs normales Familienleben zu führen. Aber jeder Sportprofi kriegt irgendwann ein Problem, wenn das Kind in die Schule muss. Ich denke, Kim wird noch bis nächstes Jahr spielen, vielleicht noch bis Olympia, aber das könnte es dann gewesen sein. Aber sie hat ja auch gesagt, dass sie nicht für immer weiterspielen will. Sie will mehr Kinder kriegen.

Das Gespräch führten Christian Hönicke und Anke Myrrhe.

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