Sport : Linker Mann am rechten Ort

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Stefan Hermanns über den nachlassenden Erfolg des Trainers Lienen

Es zählt zu den gesellschaftlich akzeptierten Gepflogenheiten, dass über einen Toten keine schlechten Worte gesprochen werden – ganz egal, wie sehr man sich zu dessen Lebzeiten auch über ihn geärgert haben mag. Eine ähnliche Regel gilt für Fußballtrainer, die gerade den Job eines gefeuerten Kollegen übernommen haben. Was immer der verbrochen hat – den Linksaußen als Rechtsverteidiger aufgeboten, die halbe Mannschaft suspendiert, den Präsidenten beleidigt: Selten wird man einem neuen Trainer Negatives über seinen Vorgänger abringen können.

Holger Fach, der am Sonntag Nachfolger von Ewald Lienen als Trainer bei Borussia Mönchengladbach geworden ist, hat am Montag gesagt, dass er die Spieler des FußballBundesligisten „in Zukunft wie erwachsene Menschen behandeln“ werde. Fach ist ein intelligenter Mensch, der genau weiß, wie seine Äußerung verstanden wird: in dem Sinne nämlich, dass die Spieler bei Borussia Mönchengladbach bisher nicht wie erwachsene Menschen behandelt wurden. Fachs Aussage trifft im Umfeld von Borussia Mönchengladbach auf ein dankbares Publikum. Die interessierte Öffentlichkeit hatte zuletzt immer mehr den Eindruck gewonnen, dass Lienen den Respekt seiner Mannschaft eingebüßt hat und deshalb zu Recht entlassen wurde.

Solche Deutungen haben im Falle Lienen eine historische Berechtigung. Bei all seinen Vereinen war es so, dass der Coach seine Spieler irgendwann mit seiner Art überfordert hat. Der Trainer Lienen versteht Fußball in erster Linie als Arbeit, nicht als Spiel. Geradezu sinnbildlich ist seine Angewohnheit, sich alle wichtigen Ereignisse auf Zetteln zu notieren. In solchen Momenten wirkt Lienen wie eine Politesse beim Ausstellen eines Strafzettels.

Der ehemalige Linke Lienen ist im Laufe seines Lebens zum Verfechter rechter Primärtugenden wie Disziplin, Ordnung und Pünktlichkeit geworden. Als Borussia Mönchengladbach im Frühjahr kurz vor dem Abstieg stand, war er mit seiner Art, mit seinen hitzigen Appellen der rechte Mann am rechten Ort. Dass der Trainer in der vorigen Woche aber wieder mal gesagt hat, seine Spieler müssten sich für den Verein den Hintern aufreißen, deutet nicht auf Fortschritte in der Trainingsmethodik hin.

Ewald Lienen hat mit Gladbach vier Spiele in Folge verloren. Das ist auch anderen Trainern schon passiert, die danach noch die Wende geschafft haben. Lienen glaubt, dass ihm das auch gelungen wäre. Aber sein Problem war, dass vier Niederlagen bei ihm oft nur der Anfang von weiteren Niederlagen waren. Ewald Lienen ist vor allem ein Opfer seiner eigenen Vergangenheit geworden.

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