Lionel Messi : Mit dem Fuß, mit dem Kopf, mit dem Herzen

Die Wahl zum Weltfußballer des Jahres krönt Lionel Messis perfektes Jahr mit dem FC Barcelona.

Julia Macher[Barcelona]

Im Mai lernte der Magier Lionel Messi das Fliegen. Sein Gegenspieler Rio Ferdinand von Manchester United überragte ihn um gut 20 Zentimeter, also stieg Messi in die Luft und schwebte. Sekundenbruchteile später jubelten die Zuschauer des Champions-League-Finales in Rom über ein perfektes Kopfballtor, erzielt von einem, den sie wegen seiner knappen 1,69 Meter „la pulga“, den Floh, nennen. Es sind solche Zauberstückchen, die Lionel Messi, der am Montag in Zürich mit überwältigenden 1073 Punkten – mehr als 700 Zähler vor dem zweitplatzierten Cristiano Rolando – zum Weltfußballer des Jahres gewählt wurde, so einzigartig machen.

Plötzlich aus dem Nichts auftauchen, fünf, sechs, sieben Gegenspieler mal eben ausdribbeln, aus dem unmöglichsten Winkel zum Schuss ansetzen: Nichts ist undenkbar. Dabei sind Messis Tore selten nur virtuose Kabinettstückchen, sondern meist konkrete Problemlösungen. Sechs Titel hat FC Barcelona in diesem Jahr gewonnen, mehr geht nicht. Und egal ob in Champions League, Meisterschaft oder Pokal: In jedem Wettbewerb spielte der 22-Jährige eine entscheidende Rolle. Beim Pokalfinale gegen Athletic Bilbao (4:1) brachte er sein Team aus dem Rückstand in Führung. In der Liga gingen 23 Treffer auf sein Konto. Und beim Finale der Klub-WM gegen Estudiantes de la Plata in Abu Dhabi schließlich, dem letzten noch möglichen Pokal, bugsierte Messi in der Nachspielzeit den Ball zum entscheidenden 2:1 mit der Brust ins Tor. Barcelona siegte durch ein Tor mit dem Herzen, schrieben die spanischen Sportzeitungen am Tag danach. Nach Dutzenden Treffern mit dem rechten oder linken Fuß, nach einem entscheidenden Kopfballtor, erweiterte sich das wunderbare Messi-Kompendium um den symbolträchtigsten Körperteil.

Der Junge aus Rosario, der mit 13 nach Barcelona kam, um seine Kleinwüchsigkeit behandeln zu lassen, und noch immer am liebsten mit seiner Mutter im Schlepptau verreist, symbolisiert wie kein Zweiter das Entzücken, das Josep Guardiolas Erfolgsteam im letzten Jahr auslöste; Xavi und Iniesta, laut Fifa auf Platz 3 und 5 der diesjährigen Weltbestenliste, repräsentieren die Philosophie, das ewig pulsierende Kraftzentrum des Mittelfelds. Dass gleich drei FC Barcelona-Spieler zu den aktuell besten fünf Spielern der Welt zählen, ist auch eine Auszeichnung für die in Barcelona gepflegte Praktik, konsequent auf den eigenen Nachwuchs zu setzen. Mehr als die Hälfte des aktuellen Kaders stammt aus den Jugendmannschaften oder der klubeigenen Fußballschule La Masia. Messi, Iniesta und Xavi erwarben dort jene technische Raffinesse, jenes strategische Denken, das sie unverwechselbar macht. Auch Guardiola, mit 38 Jahren einer der jüngsten Trainer der Primera Division, lernte dort. Es war der Niederländer Johan Cruyff, als Miterfinder des schnellen Kombinationsspiels und Trainer des „Dream Teams“ der frühen Neunziger so etwas wie Barças mythischer Übervater, der den heutigen Trainer aus der Jugendmannschaft ins Profiteam holte. Man muss kein eingefleischter Traditionalist sein, um in dieser Erbfolge einen Teil des Erfolgsrezepts auszumachen. Guardiola hat nicht nur einen außergewöhnlichen Fußballverstand und taktisches Gespür, er versteht es auch wie kein Zweiter, die Eigenheiten seiner Mannschaft zu lesen – und auf ihre Talente zu vertrauen. Als man Guardiola im Sommer nach möglichen Engpässen im Team fragte, antwortete er stets gelassen: „Dann lassen wir eben unsere Kinder ran!“ Der jüngste Star aus der Jugendmannschaft ist „Pedrito“, der 22-jährige Pedro Rodriguez Ledesma, Torschütze in allen Wettbewerben dieser Saison.

Es passt zur beim FC Barcelona üblichen Traditionspflege und zu Messis Scheu vor dem Rampenlicht, dass er sich in Momenten des Jubels daran erinnert. Als er in Abu Dhabi für sein Tor mit dem Herzen zum besten Spieler des Abends gewählt wurde, lächelte er schüchtern und reichte die 21 000 Euro Preisgeld an seine ehemalige Ausbildungsstätte weiter.

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